• vom 17.09.2017, 11:30 Uhr

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Erinnerungen des Musik-Roboters




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Von Uwe Schütte

  • Das ehemalige Kraftwerk-Mitglied Karl Bartos hat eine Art "Klangbiografie" geschrieben.



Musiker sind auch nur Menschen, und daher spielen Empfindungen wie verletzte Eitelkeit oder Kränkungen durch unfaire Behandlung in der Musik ebenso eine Rolle wie anderswo im sozialen Leben. Dieses Buch erzählt davon: Geschrieben hat es der Elek-tromusiker Karl Bartos. Von 1975 bis 1990 war er Mitglied der epochalen Band Kraftwerk, die 1970 von Ralf Hütter und Florian Schneider in Düsseldorf gegründet wurde. "Dem Schatten von Kraftwerk konnte ich nicht entkommen", beklagt er darin: "Er würde mich verfolgen, wohin ich auch gehe." Das gilt auch für seinen Verlag: Zur Verkaufsförderung hat man dem Buch nicht nur ein rotes "ex-Kraftwerk"-Etikett aufgeklebt, sondern als Illustration der langerwarteten und mehrfach verschobenen Autobiografie eine Porträtaufnahme des "Roboter"-Doppelgängers gewählt.

Keine Abrechnung

Information

Karl Bartos

Der Klang der Maschine

Eichborn Verlag, Köln 2017, 608 Seiten, 26,80 Euro.

Das ist ein deutliches Signal: Die primäre Zielgruppe des Bandes sind Kraftwerk-Fans, von denen es - wie die zuletzt durchweg sofort ausverkauften Konzerte zeigen - mittlerweile so viele gibt wie nie zuvor. Anders als die unsägliche Enthüllungs-Autobiografie seines ex-Kraftwerk-Kollegen Wolfgang Flür, ist das Buch von Bartos nicht als Abrechnung mit seinen ehemaligen Chefs Hütter und Schneider angelegt. Vielmehr lobt er immer wieder die Verdienste der beiden und bekundet seinen offenkundig ehrlich gemeinten Dank dafür, was er als junger (und nach eigenem Bekunden: in Finanzdingen naiver) Musiker während der genialischen Phase der Bandgeschichte in der zweiten Hälfte der Siebzigerjahre erleben durfte.

Zugleich, und das kann man Bartos wirklich nicht verdenken, beklagt er in neutralen Worten seine tiefe menschliche Enttäuschung darüber, wie er von der Band übervorteilt wurde: mündliche Absprachen anstatt klarer Verträge und mangelhafte Würdigung des Grads seiner kreativen Beteiligung, bei gleichzeitigem Verbot, an eigener Musik zu arbeiten. Fein war das nicht. Vor allem auch deshalb, weil Hütter und Schneider ihre beiden "festen Freien" Bartos und Flür wie Freunde und als integrativen Teil des Bandprojekts behandelten, solange es nicht um geschäftliche Belange der Kraftwerk GbR ging.

Erstaunlicherweise existiert derzeit kein einziges Buch über Kraftwerk in deutscher Sprache, obwohl es sich zweifellos um die international bekannteste Musikgruppe Deutschlands handelt. Wer eine Einführung in die bahnbrechende Musik der Gruppe sucht, wird von Bartos ganz gut bedient, wenngleich der gelegentlich eine gute Kenntnis der technischen Geräte voraussetzt.

Dennoch ist es gerade für Laien spannend zu verfolgen, wie ständig die neuesten Musikmaschinen angeschafft, aufgeschraubt, modifiziert und experimentell miteinander verschaltet werden, um unerhörte Klänge zu erzeugen. Zurecht wird von Bartos die Pionierrolle, die Florian Schneider bei der Entwicklung von Sprachsynthese gespielt hat, herausgestellt. Wie bahnbrechend es war, dass 1974 ein Vocoder die Silben "Au-tobaaahn" sprach und somit erstmals eine künstliche Stimme in einem Popsong zu hören war, zeigt der gegenwärtige Stand der Pop-Musik. Kraftwerk haben ihr in vieler Hinsicht den Takt vorgegeben.

Ein wenig entmythologisierende Stichelei aber darf auch durchaus sein: Bartos verweist immer wieder auf abgekupferte Akkordfolgen aus anderen Stücken, entkräftet den von Hütter gerne propagierten Mythos permanenter Arbeit im bandeigenen Kling Klang Studio oder lässt nebenbei fallen, dass der berühmte Anfang von "Autobahn" mit dem Geräusch eines startenden Automotors wohl einfach von einer Geräuschplatte übernommen wurde.

Kraftwerk-Kenner werden vor allem die Abschnitte lesen, die sich mit der Anfang der Achtzigerjahre ausgebrochenen Radfahr-Obsession von Hütter und Schneider beschäftigen, vor al-lem aber das Kapitel, in dem die Irrungen und Wirrungen der Entstehungsumstände des 1986er Albums "Electric Cafe" (später umbenannt in "Techno Pop") erst-mals detailliert aufgerollt werden.

Späte Kränkungen

Das bekannte Bild über die Geschichte von Kraftwerk wird von Karl Bartos zwar nicht revidiert, aber sein sichtliches Bemühen, musikalische Verdienste wie menschliche Schwächen von Hütter und Schneider sachlich zu benennen, macht "Der Klang der Maschine" sehr lesenswert. Ein stilistischer Genuss ist die Lektüre jedoch nicht unbedingt, aber Bartos ist ja gelernter Musiker und kein Schriftsteller.

Im Schlussteil, in dem Bartos seine Karriere post-Kraftwerk aufrollt, kommen die Verletzungen und Kränkungen dann spürbar durch. Da werden eigene Erfolge gegen (vermeintliche) Misserfolge der seit 2007 auf Hütter und drei Mitmusiker reduzierten Gruppe aufgerechnet. Eigene Soloplatten wie "Communication" (2003) oder "Off The Record" (2013) findet Bartos offenkundig gelungener als Kraftwerks großartiges Studioalbum "Tour de France" (2003).

Dergleichen ist subjektiv nur allzu verständlich und schmälert den Wert dieser "Klangbiografie" (Bartos) keineswegs. Er wolle "die Deutung meiner Vergangenheit nicht allein meinen früheren Kollegen überlassen", heißt es einmal. Recht hat er.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-09-15 15:54:08
Letzte nderung am 2017-09-15 16:07:42



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