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Von Otto A. Böhmer

  • Der deutsche Schriftsteller Friedrich Ani lässt seinen einfühlsamen Ermittler Jakob Franck einen besonders schwerwiegenden Fall lösen.



Das Verbrechen schläft nicht, wir wissen es längst, und so haben auch die Krimiautoren weiterhin gut zu tun, die inzwischen so viele Ermittler in Zeitarbeit halten, dass man schon mal den Überblick verlieren kann. Kaum ein Landstrich, in dem keine Fahnder unterwegs sind und sich um Aufklärung bemühen. Der versierte Krimileser wählt sich, da er nicht überall mit dabei sein kann, seine Lieblinge, sowohl unter den Autoren als auch beim Personal, das sie beschäftigt halten.

Information

Friedrich Ani

Ermordung des Glücks

Roman. Suhrkamp Verlag, Berlin 2017, 317 Seiten, 20,60 Euro.

Ein allseits beliebter und anerkannter Schriftsteller in der Zunft ist Friedrich Ani (Jg. 1959), dessen Bücher an dieser Stelle schon öfter besprochen wurden. Zuletzt erschien der Roman "Nackter Mann, der brennt" ("Wiener Zeitung" vom 14./15. Jänner 2017), in dem "eine Missbrauchsgeschichte aus der Sicht eines Täters, der früher selbst Opfer war", erzählt wird. Davor war es "Der namenlose Tag" ("W. Z." vom 2./3. Jänner 2016), der uns Jakob Franck, einen "Ermittler i.R." näherbrachte, "für den die Toten nicht so tot sind, wie sie es eigentlich sein sollten". Unseren damaligen Wunsch, dass Franck, "ein Ermittler mit der seltenen Fähigkeit zur ‚Gedankenfühligkeit‘, bitteschön, weitermachen" sollte, hat der Autor erhört; sein "unruhiger Ruheständler" bekommt wieder etwas zu tun.

"Ermordung des Glücks" heißt Anis neuer Roman, der wiederum so düster und spannend ist, dass man um eigene Beklemmungen, die wir im Alltagsbetrieb versiert zu verdrängen gelernt haben, nicht herumkommt, zumal ein ermordetes Kind im Mittelpunkt der Geschichte steht. Lennard Grabbe, ein elfjähriger Bub, dem bereits eine große Zukunft als Fußballspieler vorausgesagt wurde, kommt eines Tages nicht von der Schule zurück. Vierunddreißig Tage bleibt er verschwunden, dann wird seine Leiche gefunden, er ist erschlagen worden.

Franck, der auch früher schon als Überbringer schlechter Botschaften bemerkenswert einfühlsam zu Werke ging, informiert die Eltern, für die eine Welt zusammenbricht. Hatten sie zuvor noch die Hoffnungen, dass ihr Kind wiederauftauchen könnte, müssen sie sich nun mit dem Unvorstellbaren auseinandersetzen.

Das fällt besonders Tanja Grabbe, Lennards Mutter, unsagbar schwer, sie erstarrt, stirbt ab bei lebendigem Leibe. Zuvor aber, als noch Wut in ihr ist, bekommt Franck zu hören, was sie von der Polizei hält: "Dunkel war’s, es regnete unaufhörlich, und der Regen und sein Mittäter, der Wind, verwischten alle Spuren, war’s nicht so? (. . .) Kannst du das glauben, Lennard? Dass niemand auf der Straße war, als du aus der Schule kamst und im strömenden Regen dein Radl gesucht hast; der ganze Stadtteil menschenleer? Hab den Kommissar gefragt, ob denn keine Straßenbahnen gefahren sind, er sagte: dochdoch, auch Taxis, Autos, dochdoch. Wahrscheinlich saßen in allen Fahrzeugen Blinde oder Insassen mit siebzehn Diop-trien und beschlagenen Brillen."

Stefan Grabbe, Lennards Vater, versucht seiner Frau, so gut es geht, beizustehen, aber es geht nicht gut: Tanja kapselt sich ab, schließt sich ein in Lennards Zimmer, kommt kaum mehr zum Vorschein. Auch ihr Bruder Maximi-lian, zu dem sie an sich eine innige, geheimnisschwere Beziehung hat, dringt nicht zu ihr durch.

Franck und seine Kollegen hängen in ihren Ermittlungen fest; der Fall passt fatal zu dem dunklen Tag, an dem Lennard verschwand. Zwar gibt es den einen oder anderen Verdächtigen, aber es reicht nicht, um auf eine wirklich heiße Spur zu kommen. Auch spät beigebrachte Zeugenaussagen, die sich im Nachhinein als widersprüchlich und unglaubwürdig erweisen, helfen nicht weiter.

Tanja Grabbe, die ihrem Sohn nur noch "nachsterben" will, zieht schließlich in ein Hotel; dort überfällt sie ein rauschhafter Freiheitsschub, in dem die Zeit stillsteht und zu einem nicht einlösbaren Versprechen wird. Ihr Mann, der einen Schuldigen ausgemacht hat, geht mit Racheplänen um, während Maximilian seine Vergangenheit einholt, in der ein irreparabler Vorfall verdrängt und verschwiegen wurde.

Schließlich wird, dank Francks Geduld und Grübelkunst, doch noch ein Täter gefunden. Die Lösung kommt abrupt und mutet so überraschend an, dass man zunächst ein wenig unwillig wird.

Aber es passt schon. Jakob Franck ist erschöpft; vor dem nächsten Fall, mit dem Ani ihn dann zu gegebener Zeit beauftragt, braucht er noch etwas Ruhe: "Er dachte an die irrlichternde Frau im Hotel und deren verschlossenen Bruder in der Untersuchungshaft; an den vor Ratlosigkeit implodierenden Ehemann, an den auf mysteriöse Weise zu Tode gekommenen Nachbarn und an den kleinen Jungen in der Regennacht, der seinem Mörder in die Arme lief, als wären sie verabredet gewesen. - Dann hörte Jakob Franck auf zu denken, denn er hatte eine Nähe zu bewohnen."





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-09-21 17:12:07
Letzte nderung am 2017-09-21 17:29:14



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