• vom 24.09.2017, 14:00 Uhr

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Nischen der Freiheit




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Von Jeannette Villachica

  • Nicolas Dickners fesselnder Familien- und Gesellschaftsroman "Die sechs Freiheitsgrade":



Lisas Vater hat es wieder getan: Ein verfallenes Haus gekauft, in der Hoffnung, dass es ihm nach eigenhändiger Instandsetzung das große Geld bringt. Auch seine erfindungsreiche, handwerklich geschickte Tochter und ihr bester Freund Éric suchen stets nach neuen Verdienstmöglichkeiten. Die 15-Jährigen leben im Süden Québecs, beide bei nur einem Elternteil - das Geld ist immer knapp.

Während Éric als Hacker digitale Welten durchforstet, jobbt Lisa in jenen Augusttagen auf der Baustelle ihres Vaters. Tag für Tag entdecken sie dort neue Mängel. Lisas Vater Robert "beschlich allmählich der leise Zweifel, ob er nicht, mal eben so, die jüngste einer spektakulären Reihe von Fehlentscheidungen getroffen hatte".

Information

Nicolas Dickner

Die sechs Freiheitsgrade

Roman. Übersetzt v. Andreas Jandl. Frankfurter Verlagsanstalt, Frank- furt 2017, 318 Seiten, 24,- Euro.

Der frankokanadische Schriftsteller Nicolas Dickner lässt Lisa in ihrem engen Leben Freiheitsnischen suchen und finden. Als Éric jedoch nach Kopenhagen zieht und sie einige Jahre später ihr Studium der Elektronik in Montreal aufgeben muss, um sich um ihren dement werdenden Vater zu kümmern, glaubt sie, endgültig in diesem Provinzkaff an der US-amerikanischen Grenze festzustecken.

Dickner beschreibt in seinem dritten Roman, "Die sechs Freiheitsgrade", bilderreich Landschaften, Wetterlagen, Gerüche, Tiere, Cannabisfelder, Bärenfallen und den Alltag in einer Kleinstadt. Weitere Zutaten dieses fesselnden Freundschafts-, Familien- und Gesellschaftsromans, der in der globalisierten und digitalisierten Gegenwart angesiedelt ist, sind eine liebevolle Vater-Tochter-Beziehung, eine Freundschaft, aus der Liebe werden könnte, eine offenbar zum Scheitern verurteilte abenteuerliche Reise und originelle, mutige Protagonisten, die sich nicht mit dem Leben zufriedengeben, in das sie hineingeboren wurden.

Parallel erzählt der Autor von Jay, ehemals Kreditkartenbetrügerin, die nun im Dienste der Polizei Datenbanken nach einem "Geistercontainer" durchforstet. Mit Vergnügen beobachtet der Leser die rätselhafte Einzelgängerin bei der Arbeit. Ebenso fein gezeichnet ist die Verwandlung der einst lebenslustigen Lisa nach Érics Wegzug: "Was über lange Zeit wie die gelegentliche Traurigkeit aussah, entpuppt sich bald als ihr wahrer Charakter - vermischt mit einigen Gramm mütterlicher Angst und durchzogen von der väterlichen Neigung zur Selbstzerstörung."

Irgendwann muss Lisa ihren Vater in einem Pflegeheim unterbringen; Dickners Humor macht solch schmerzliche Situationen erträglich. Auf der anderen Seite des Atlantiks ist Éric nach mehreren Firmengründungen mit Anfang zwanzig Multimillionär und langweilt sich etwas. Da kommt ihm Lisas Idee für ein gemeinsames Projekt, das "das Bewusstsein der Menschen erweitern soll", gerade recht. Es geht um unterschiedliche Formen von Freiheit durch die Sprengung geographischer, gesetzlicher, sprachlicher, intellektueller und finanzieller Grenzen, und um die leidenschaftliche Umsetzung einer - je nach Warte mehr oder weniger - genialen Idee. Ein Wettlauf gegen die Polizei, CIA und die Homeland Security beginnt.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-09-21 17:12:18
Letzte nderung am 2017-09-21 17:27:57



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