• vom 23.09.2017, 13:00 Uhr

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Totenstille in ländlicher Idylle




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Von Gerhard Strejcek

  • Der slowenischsprachige Kärntner Autor Florjan Lipus legt mit "Seelenruhig" eine poetische Lebensgeschichte vor, in der beredtes Schweigen eine Hauptrolle spielt.



Poetische Formulierungsgabe: Florjan Lipus.

Poetische Formulierungsgabe: Florjan Lipus.© Marko Lipus Poetische Formulierungsgabe: Florjan Lipus.© Marko Lipus

Für den jungen Florjan gab es im slowenischen Dorf auf Unterkärntner Boden einige traumatische Erlebnisse. Als ihn der Vater zur Firmung anmeldete, gab er zum Entsetzen des Sohns dem Pfarrer gegenüber an, dass sein Nachkomme oft ungehorsam sei. Gerne hätte der gereifte Autor den Vater deshalb eines Tages zur Rede gestellt, aber dazu kam es nie. Zur Firmung gab es keine Uhr, wie er erhofft hatte, sondern nur einen Sack mit Süßigkeiten, und schließlich verpasste ihm der Vater beim örtlichen Schneider dreiviertellange Hosen aus Barchent, die unpraktisch und peinlich für einen Teenager waren.

Eines Tages machte sich der Internatsschüler in die Fremde auf, aber diese zeigte ihre Zähne, und der Hunger wurde zum Thema. Während zu Hause das Brot in der Brotlade nur darauf wartete, angeschnitten zu werden, konnte er es in der Stadt lediglich riechen, aber nicht bezahlen. Der vom Hunger geplagte Student wirkte als Volksschullehrer, anstatt die theologische Laufbahn zu ergreifen, wie es seine Lehrer wollten.

Das ödipale Trauma des Autors, der vor allem unter dem familiären Nicht-Kommunizieren litt, hatte tiefe Wurzeln. Der Vater verhielt sich stets schweigsam bei der Arbeit, durch überflüssiges Reden konnte das Ziel der Mahd oder der Holztrift vereitelt werden, so seine Befürchtung; der Vater beschränkte sich auf kurze Kommandos an die Forstarbeiter, er stand meist abseits, etwa im Schutz und Schatten eines massiven Baums, als die abgeholzten Stämme die Rutsche passierten und nahe vom elterlichen Bauernhof ins Tal donnerten. Wenn man ihn ansprach, reagierte der Alte, abgesehen von seltenen und zu kurzfristigem "Smalltalk" anregenden Besuchen am Hof, unwillig und gereizt.



Solange der Vater noch beständig "Nein, nein" murmelte, war er lediglich missgelaunt, mit dem Wort "niemals" wurde es gefährlich, die Floskel "Gott behüte!" barg bereits hohes Aggressionspotenzial, es drohten Schläge. Zu Lebzeiten gelang es Florjan daher nie, in einen Diskurs oder wenigstens in ein oberflächliches Gespräch mit dem Vater

Information

Florjan Lipus

Seelenruhig

Erzählung. Übersetzt von Johann Strutz, Nachwort von Fabjan Hafner. Jung und Jung, Salzburg/Wien 2017, 111 Seiten, 18,- Euro.

zu kommen, um dessen Gefühle zu erkunden. Erst am Grabhügel machte er seinen Frieden mit ihm, alles ging wie von allein, plötzlich konnte er zwanglos mit dem Geist des Vaters kommunizieren.

KZ-Tod der Mutter

Viel hätte es zu Lebzeiten im Dorf nahe von Eisenkappel zu besprechen gegeben, vor dem die Grausamkeiten der NS-Ära nicht Halt machten. Der Vater wurde zwangsweise zur Deutschen Wehrmacht eingezogen und diente 1940 in Norwegen, dann in Russland, während im Heimatdorf die Mutter in eine ekelhafte Falle der Gestapo ging. Im Jahr 1944 bewirtete sie als Partisanen verkleidete "agents provocateurs" der Geheimpolizei und wurde daraufhin verhaftet, vom Brottrog weg deportiert, später im KZ Ravensbrück ermordet.

Schon in früheren Werken wie "Botjans Fall" hatte der Autor sich mit der verstörendsten Episode in seiner Biografie befasst. Dort stand die Szene im Vordergrund, dass die Mutter den Teig noch geknetet, das Brot aber nicht mehr geformt hatte, als sie die Nazi-Schergen abholten und den kleinen Sohn in der Obhut der weinenden Großmutter zurückließen. Lipu macht sich Gedanken darüber, ob die im Viehwaggon eingepferchte Mutter in ihrem Deportations- und Todeszug womöglich dem Soldatenzug des Vaters begegnet sein konnte, als dieser vom Norden quer durch Europa an die russische Front oder von dort zu einem Heimaturlaub fuhr. Ahnten die Soldaten, wer aller in diesen Viehwaggons litt, wie die Menschen darin lebendig begraben lagen und dehydrierten? Niemand konnte wissen, dass es womöglich die eigene Lebenspartnerin war, deren Zug nächtens am Nachbargleis vorbeirollte, um erst im KZ wieder Halt zu machen.

Gerne hätte Lipus etwas über die Emotionen des Vaters erfahren, der nach dem Krieg allein den Hof bewirtschaftete, aber der Vater schwieg, um zu seiner Arbeitsruhe und zu seinem Seelenfrieden zu finden.

Das einsame Kind

Obwohl nominell noch ein Elternteil existierte, wuchs Florjan de facto als Vollwaise auf. Die Mutter kam dem traumatisierten Sohn im Alter von sieben Jahren abhanden, der schweigsame Vater existierte nur als gut geölte, leise laufende Arbeitsmaschine, welche die Familie versorgte und im Ruhestand rasch materiell abbaute. Als der Vater starb, besaß er nicht einmal mehr ein Paar Schuhe außer den Pantoffeln, so Lipu, der darin auch eine Art Optimierung des Sterbens sieht, wenn man die Erde solcherart besitzlos verlässt - ausgenommen und ausgenützt von den anderen, aber nicht als raffgieriger Nehmer.

Wie für andere begabte Landkinder bestand die einzige Aufstiegschance im Hort der katholischen Kirche und ihren zweifelhaften Internats-Segnungen. Der Autor, der eigentlich keiner sein will, weil er nach Abschluss eines Meisterwerks kein weiteres mehr plant, hat über seine Gymnasiallehrer nie ein schlechtes Wort verloren; die Leiden des Internatszöglings aber treten zwischen den Zeilen zutage: er beschreibt die flatterhaften Gefühle der Schüler, wenn auch nicht so explizit, wie es Musil in seinem "Törleß" tat.


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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-09-21 17:15:13
Letzte nderung am 2017-09-21 17:25:34



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