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Update: 06.10.2017, 17:20 Uhr

Exilliteratur

Die Melancholie des Überlebens




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Doch auch dort konnten sich Scheyer und seine Frau nicht in Sicherheit fühlen, der Antisemitismus wuchs und Juden wurden von Tag zu Tag mehr drangsaliert. Das Leben in der ständigen Ungewissheit verschlimmerte Scheyers Herzprobleme und ein Besuch beim Arzt wurde notwendig. Scheyer bekam einen Ratschlag, der höhnisch erscheint, denn der Arzt empfahl seinem Patienten, der täglich mit der Verhaftung rechnen musste und in dauernder Angst lebte, jede Aufregung zu vermeiden. Doch das kranke Herz wurde ihm bald darauf zur Rettung: Neuerlich verhaftet, wartete Scheyer schon auf den Transfer in ein Konzentrationslager, als ihn ein mitleidiger Arzt aus gesundheitlichen Gründen für transportunfähig erklärte und befristet aus der Haft entließ.

Scheyer und seine Frau nutzten diese Chance, um unterzutauchen. Ein kommunistischer Widerstandskämpfer brachte die Familie in den franziskanischen Konvent Labarde nahe dem Dorf Belvès, wo sie für den Rest des Krieges Unterschlupf fand. Mehr als zwei Jahre verbrachten sie in diesem Versteck und mussten dabei stets auf der Hut vor Razzien sein, denn mittlerweile war auch der Süden Frankreichs von deutschen Truppen besetzt worden.

Die Landung der Alliierten in der Normandie im Juni 1944 war schließlich eine erlösende Nachricht, und bald darauf ging das Leben im Verborgenen zu Ende. Scheyer standen nun wieder alle Wege offen, doch das Erlebte belastete ihn zu sehr und er fühlte sich zu alt für einen Neuanfang. Er beantragte zwar einen österreichischen Reisepass und bekam ihn auch, dennoch kehrte er nie wieder nach Wien zurück. Scheyer blieb vielmehr samt seiner Frau und dem Hausmädchen in Belvès, wo er vier Jahre nach dem Ende des Krieges starb.

Ein Hauch von Wehmut

Wenn man Scheyer nach seinen Werken beurteilt, so war er kein besonders lebensfroher Mensch. Schon über seinen ersten Büchern schwebt stets ein Hauch Melancholie und Wehmut. So verrät schon der Titel seines Buches, "Flucht ins Gestern", seine Sehnsucht nach einer heilen, aber vergangenen Welt, und die Zukunft ist ihm darin "kein beschwingter Glaube, sondern ein Feind, der böse und heimtückisch auf der Lauer liegt". Viele der Lebensläufe jener Persönlichkeiten, die Scheyer in diesem Buch schildert, beschreiben den Kampf gegen ein unbarmherziges Schicksal und so bleibt den handelnden Personen "nur ein Paradies auf Erden, und das ist die Erinnerung".

Dieser Pessimismus schlägt auch in seinem Buch über die Flucht durch. Mehrmals stellt sich Scheyer darin die Frage, warum er dieses Buch überhaupt schreibe. Seine Antwort: Er fühlte sich verpflichtet, Zeugnis abzulegen. Zugleich zweifelte er am Sinn dieser Niederschrift, denn er war überzeugt, dass die Menschheit keine Lehren aus dieser furchtbaren Zeit ziehen und dass sein Bericht über das Erlebte vergebens sein würde. Scheyer blieben zwar die Gräuel der Vernichtungslager erspart, er haderte aber mit einem Schicksal, das Familie, Freunde und Bekannte in den Tod führte, während er selbst in relativer Sicherheit den Krieg überleben konnte.

So bleibt Scheyers Bericht über die Jahre der Verfolgung das eindrucksvolle Zeugnis eines Mannes, der gerettet wurde und dafür voller Dankbarkeit war, dem aber die Tatsache, ein Überlebender zu sein, auch eine Last war.


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-09-21 17:57:26
Letzte nderung am 2017-10-06 17:20:20



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