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Update: 26.09.2017, 14:06 Uhr

Sachbuch

Der Unfassbare




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Von Christian Ortner

  • Frankreichs Präsident verstellt den Blick auf den wahren Macron mit einem 230 Seiten langen Text.

Wofür steht Emmanuel Macron? Sein Buch beantwortet diese Frage nicht. - © Reuthers

Wofür steht Emmanuel Macron? Sein Buch beantwortet diese Frage nicht. © Reuthers

Er war einst turbokapitalistischer Investmentbanker, aber auch sozialistischer Minister. Er befürwortet eine Art von europäischem Superstaat, ist aber gleichzeitig leidenschaftlicher Franzose. Er will die Steuern und die Staatsschulden radikal senken, aber gleichzeitig riesige staatliche Investitionen. Er bedient sich aus dem Fundus linken Gedankenguts und klingt manchmal fast neoliberal - und er ist seit einigen Monaten französischer Staatspräsident, von Amts wegen also einer der Mächtigsten Europas. Es wäre deswegen für jeden politisch interessierten Europäer ganz wissenswert, herauszufinden, welche Überzeugungen oder Ideologien Emmanuel Macron, diesen personifizierten multiplen Widerspruch mit sich selbst, nun wirklich antreiben. Also ob er eher eine Art Designer-Sozialist mit linker Agenda ist, wie das konservative Lager mutmaßt, oder doch ein marktwirtschaftlich orientierter Liberaler, wie Frankreichs dogmatische Linke mutmaß. Macron hat dazu ein ganzes Buch geschrieben.

Es heißt "Revolution", ist bereits vor den französischen Wahlen erschienen und liegt nun in einer deutschen Übersetzung vor, wenn auch leider in einer sprachlich hilflos-miserablen von gehobener Google-Translate-Qualität.


Landestypisches Pathos
Auf 230 Seiten erfahren wir vieles, nur eines nicht: Wer Macron nun wirklich ist, wo er wirklich steht und wo er wirklich hinwill (außer auch nach den nächsten Wahlen wieder in den Élysée-Palast einziehen). So üppig er seit seinem Amtsantritt seine Visagistin dotiert - 23.000 Euro in zwei Monaten -, so fett trägt er in seinem Pathos auf: "Ich möchte, dass mein Land wieder den Kopf hebt und den Faden unserer tausendjährigen Geschichte wiederfindet, das großartige Projekt der Emanzipation der Menschen und der Gesellschaft. Dieses Ziel ist ein französisches Ziel: Alles zu tun, um den Menschen groß zu machen." Denn: "Der Reichtum, den wir zu verteidigen haben, ist Frankreichs Besonderheit, seine Tugend, seine Botschaft in der Geschichte. Das führt dazu, dass in entscheidenden Momenten die ganze Welt (. . .) auf seine Stimme hört (. . .)." Klingt zwar eher wie eine champagnermäßig aufgekratzte Marine Le Pen nach Absolvieren eines NLP-Kurses bei Mathias Strolz, ist aber tatsächlich vom Bewohner des Élysée-Palastes geschrieben worden. Mon Dieu!

Aber auch da, wo er kurz zu uns Sterblichen herabsteigt, argumentiert "Jupiter" (angeblich sein Spitzname) nicht eben konsistent: "Der Staat muss natürlich stets eine zentrale Rolle spielen. Diese Rolle muss sogar verstärkt werden, denn auf vielen Gebieten brauchen wir viel mehr Staat". Ein klarer Standpunkt, der Frankreich über die letzten Jahrzehnte zu einem Sanierungsfall gemacht hat, aber bitte.

An anderer Stelle betont er hingegen, Politik "müsse die Voraussetzung schaffen, damit jeder seinen Weg finde, Herr seines Schicksals werden und seine Freiheiten ausleben kann". Ein frommer Wunsch, dem freilich die Forderung "noch mehr Staat" diametral widerspricht; ganz besonders im staatsversoffenen Frankreich.

Etatistische Forderung
Darauf, dass der wahre Macron nicht der Investmentbanker, sondern doch der sozialistische Minister war, deuten knappe Zwischenbemerkungen hin wie die: "Wir erleben ein Endstadium des weltweiten Kapitalismus, der (. . .) seine Unfähigkeit beweist, von Dauer zu sein." Das ist zwar völlig evidenzfrei, passt aber zu seiner etatistischen Forderung, "sensible Wirtschaftsbereiche" nicht "dem Spiel des Marktes zu überlassen". Stattdessen möchte er in "sensiblen Fällen" - was auch immer das sein mag -, mit klassischen Mitteln der Planwirtschaft ins Geschehen eingreifen; etwa durch eine Bewilligungspflicht ausländischer Beteiligungen, staatliche Subventionen und ähnliche erprobt schädliche Instrumente. Mit "Revolution" hat all das herzlich wenig zu tun, aber vielleicht muss man in einem durch und durch etatistischen Staat wie Frankreich so argumentieren, um Präsident zu werden. Wer Macron wirklich ist, werden wir wohl erst in ein paar Jahren wissen. Sein Buch ist da leider nicht weiter hilfreich.

Sachbuch

Revolution. Wir kämpfen für Frankreich

Emmanuel Macron aus dem Französischen von Christiane Landgrebe

Morstadt, 234 Seiten, 22,90 Euro




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-09-25 16:45:07
Letzte nderung am 2017-09-26 14:06:07



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