• vom 30.09.2017, 10:00 Uhr

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Arrangement mit dem Untergang




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Von Elisabeth Freundlinger

  • Die österreichische Schriftstellerin Karin Peschka beschreibt in ihrem neuen Erzählband den Prozess allumfassender Verwesung in einem post-apokalyptischen Wien.

Präzise Verhaltensstudien: Karin Peschka.

Präzise Verhaltensstudien: Karin Peschka.© APA /Helmut Fohringer Präzise Verhaltensstudien: Karin Peschka.© APA /Helmut Fohringer

Zerschunden. Ausgeblutet. Postelektrisch. Ein nicht näher genanntes apokalyptisches Ereignis hat Wien zerstört, die wenigen Überlebenden bringen sich um oder arrangieren sich. Intellektuelle entdecken ihr handwerkliches Geschick, ein Obdachloser macht weiter wie bisher, eine junge Frau krümmt sich in Regelschmerzen. Man isst, was sich findet, überall stinkt’s vor Verwesung, aber "Hunger schlägt Ekel wie Schere Papier oder Stein Schere".

"Autolyse" ist der naturwissenschaftliche Begriff für Verwesung: Selbstverdauung. Genau das passiert der Stadt und ihren Menschen in Karin Peschkas neuem Buch. Nicht nur Leichen verwesen, sondern auch Eitelkeiten und Lebenspläne. Gefühle sind Luxus, den man sich lieber nicht mehr gönnt.

Als Wirtstochter im oberösterreichischen Eferding war Karin Peschka, Jahrgang 1967, vermutlich früh mit Kriegs- und Nachkriegsgeschichten konfrontiert. Beim Schreiben hat sich die gelernte Sozialarbeiterin, wie etwa in den Romanen "Watschenmann" oder "FanniPold", für die sie positive Kritiken und Preise erhielt, stets präzise mit menschlichem Verhalten auseinandergesetzt.



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Information

Karin Peschka

Autolyse Wien

Erzählungen vom Ende. Otto Müller Verlag, Salzburg 2017, 180 Seiten, 19,- Euro.

Fatalismus ist die einzige Haltung, die ihren Figuren bleibt. Schlagartig ins Elementare geworfen, stapfen sie durch den Schutt, der einmal die goldene Wienerstadt war, und sehnen sich nach Gesellschaft. Aber wenn da ein Anderer vorbei schleicht, ist die Furcht immer größer: Schauen, Beobachten, Hören, Riechen, Existieren, Auf der Hut sein

Hat auch einer der Juroren beim heurigen Bachmann-Wettbewerb Peschkas Sprache als "zu gestaucht" bezeichnet, so ist es doch genau dieser auf das Wesentliche reduzierte Blick, der Authentizität schafft. (Abgesehen von den wunderbaren Bildern, mit denen Peschkas Lebensgefährte Taha Alkadhi den Erzählband illustriert hat.) Die Geschichten sind unsentimental und frei von Pathos. Wozu auch emotionale Vorgaben, wenn die nüchterne, beinahe dokumentarische Beschreibung ohnehin alles sagt, was noch zu sagen ist.

Das Buch setzt sich aus 31 Kurztexten und zwei Erzählungen zusammen. In den Anfangsgeschichten werden knappe Szenen beleuchtet: Zufällig zusammengestellte Momente zufällig Überlebender. "Ich" heißt die erste Erzählung mit sieben Kapiteln. Ab da, sei es durch die Verwendung der Ich-Form oder durch die Konzen-tration auf eine Person, wird das Buch beklemmend. Eine Frau widmet sich akribisch ihrem letzten Projekt: "Schöner Sterben" nennt sie es und bereitet darin die eigene Verwesung vor.

Auf ihren Streifzügen durch die Stadt montiert sie wie nebenbei Vorhangschlösser an Gegenstände, schreibt darauf die Initialen von Menschen, an die sie sich erinnert. Das ist nicht nur der Geliebte, das ist zum Beispiel auch ein "S" für die Sprayer am Donaukanal, von deren Schaffen nur noch ein zerrissenes Riesenauge übrig ist. Die Frau unterwirft sich zu ihrem Schutz eine Hündin - und wehrt sich vergebens dagegen, diese letzte "Freundin" zu lieben. Die zweite Erzählung handelt vom zurückgebliebenen "Wiener Kindl", dem nur ein kurzes Leben vorhergesagt worden war. Das Kindl überlebt seine Familie und setzt sich an die Spitze eines Hunderudels. Für diese Geschichte erhielt Karin Peschka beim Bachmann-Wettlesen zurecht den Publikumspreis.

Nun rangiert der Band "Autolyse Wien" auf der Longlist des Österreichischen Buchpreises.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-09-28 16:48:09
Letzte nderung am 2017-09-28 17:07:54



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