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Literatur

Feuertaufe auf hoher See




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Die unerklärliche Identifikation mit dem versteckten Flüchtling löst bei dem jungen Kapitän klaustrophobische Gefühle und Verfolgungsängste aus: "Alles war gegen uns in unserer geheimen Partnerschaft". Erst der Entschluss des Fremden zur erneuten Flucht vermag den Ich-Erzähler von seinen Schuldgefühlen zu befreien. In einem waghalsigen nächtlichen Manöver steuert er das Schiff so nah an Land, dass der geheime Teilhaber seiner Kajüte gefahrlos von Bord gehen kann. Der Kapitän selbst indes hat endlich jene Souveränität als Schiffsführer gefunden, die "die vollkommene Gemeinschaft mit seinem ersten Kommando" begründet.

Käpt’n Conrad

Beide Texte sind eng verwoben mit der Biographie ihres Urhebers. Der früh verwaiste Pole Jozef Teodor Nalecz Konrad Korzeniowski, Sohn eines in seiner Heimat hochgeehrten Freiheitskämpfers, zog einst mit 17 Jahren los, um bei der britischen Handelsmarine anzuheuern und so der strengen Obhut seines Onkels zu entkommen. Er wurde Schiffsjunge, Offizier, schließlich Kapitän. Ein Jugendtraum wurde wahrgemacht, ein viertel Jahrhundert lang wurden die Weltmeere befahren, dann hieß es: Ernte einbringen am Schreibtisch. Der stand in wechselnden Wohnsitzen auf dem Land, im Süden Englands: in Kent.

In der "Schattenlinie" wie in der Erzählung "Der geheime Teilhaber" erinnerte sich Conrad an sein einziges Kommando, das er 1888 in Bangkok auf der "Otago" übernommen hatte. "Ein Bekenntnis" nennt er denn auch seinen kurzen Roman, worin es heißt: "Ich entdeckte, wie sehr ich Seemann war, von ganzem Herzen, von ganzem Gemüt und sozusagen auch körperlich - ein Mann, der nur der See und den Schiffen gehört, der See als der einzigen Welt, die wirklich zählt, und den Schiffen, die einen Mann auf die Probe stellen, sein Temperament, seinen Mut und seine Treue - und seine Liebe."

Der Übersetzer Daniel Göske nimmt den deutschsprachigen Leser mit der getreuen Wiedergabe der vielen nautischen Fachausdrücke mitten hinauf auf die Kapitänsbrücke, wo ja auch der Autor stand. Das vermittelt etwas von der Seebrise des Authentischen, macht aber den Literaturfreund fern der Waterkant zuweilen etwas ratlos. Abhilfe schafft ein großzügiges Glossar im Anhang, in dem das ganze so eigenwüchsige Seemannsidiom eingehend erklärt wird. Zusammen mit einem biographischen Anhang und einem Nachwort rundet es eine durchweg geglückte Neuausgabe dieses beachtlichen Stücks Weltliteratur ab.


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-09-28 16:51:11
Letzte nderung am 2017-10-01 10:50:08



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