• vom 30.09.2017, 09:30 Uhr

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Vier Freaks im Café Einfall




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Von Bruno Jaschke

  • Sven Regener, Autor und Sänger der Band Element of Crime, spricht mit der "Wiener Zeitung" über seinen neuen Roman, "Wiener Straße", und seine offenkundige Liebe zu Österreich.



"In Deutschland wird Kunst oft als verlängerter Arm der Volkshochschule gesehen", kritisiert Sven Regener und findet das österreichische Verhältnis zur Kunst sympathischer.

"In Deutschland wird Kunst oft als verlängerter Arm der Volkshochschule gesehen", kritisiert Sven Regener und findet das österreichische Verhältnis zur Kunst sympathischer.© Ullstein Bild/ Unger "In Deutschland wird Kunst oft als verlängerter Arm der Volkshochschule gesehen", kritisiert Sven Regener und findet das österreichische Verhältnis zur Kunst sympathischer.© Ullstein Bild/ Unger

Die Wiener Straße ist eine Verkehrsader in Berlin-Kreuzberg zwischen dem Görlitzer Bahnhof und dem Landwehrkanal. In den 80er Jahren war sie, bis zum Fall der Mauer und danach einsetzender Gentrifizierung, eine ziemlich wilde, von der (links-alternativen) Subkultur dominierte Gegend, weil hier aufgrund standplanerischer Vernachlässigung viele Gebäude leer standen, die dann besetzt wurden.

Es ist indes mehr als nur eine geografische Standortbestimmung, dass Sven Regeners sechster Roman "Wiener Straße" heißt. Denn im Titel verbirgt sich auch ein Hinweis auf die Herkunft einiger Hauptfiguren des Buches: Die Mitglieder der aktionistischen Künstlergruppe ArschArt um den herrischen Anführer P. Immel und der ehrgeizige Fernsehjournalist Andre Prohaska sind Österreicher, die meisten von ihnen Wiener. Und sie sind in ihrer Fähigkeit, die Wahrheit als biegsame Materie zu behandeln und, wenn es opportun ist, fünf auch einmal gerade sein zu lassen, tatsächlich ein eigener, recht scharf mit den einheimischen "Piefkes" kontrastierender Topos.

"Ich hatte immer eine tiefe Liebe zu Österreich", bekennt Regener, Frontmann der Berliner Band Element Of Crime und seit 2001 auch höchst erfolgreicher Autor, im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". "Was ich gleichermaßen erfrischend wie erleichternd empfinde, ist, dass das Verhältnis zur Kunst hier anders ist als bei uns. Die Liebe zur Kunst ist stärker. In Deutschland wird Kunst oft als verlängerter Arm der Volkshochschule gesehen. Sie muss für noch etwas anderes gut sein: zur Bildung, für politische Zwecke, zur Belehrung der Leute. Sie muss sich auf gewisse Weise immer rechtfertigen. Wir sind halt ein Volk von Ingenieuren."



Information

Sven Regener

Wiener Straße

Roman. Verlag Galiani, Berlin 2017, 295 Seiten, 22,70 Euro.

Da "Wiener Straße" ein weiterer Spin-off der "Herr Lehmann"-Romane ist, begegnet man darin vielen vertrauten Figuren. Allerdings hat sich der Fokus verschoben - Frank Lehmann ist hier nur eine Randfigur. Ins Zentrum rücken an seiner Statt der bärbeißige Gastronom Erwin Kächele, seine kratzbürstige Nichte Chrissie, deren Mutter Kerstin und die sogenannten Extrem-Künstler Karl Schmidt und H. R. Ledigt. So wie Prohaska und die ArschArt-Leute haben sie alle ihre Macken und Schwächen sonder Zahl - und sind alle letztlich ungemein sympathisch.

"Ich glaube, das kommt daher, dass man eben nicht mit den Augen eines Einzigen sieht, wie bei Lehmann - bei einem Einzelnen würde die Bewertung der anderen Leute viel rigoroser ausfallen, wenn man ihre Beweggründe nicht kennt", meint Regener. "Hier aber ist man gezwungen, ab und zu mit den Augen von fast jedem zu sehen. Das hat schon einen Effekt für das Verständnis."

Wie bei eigentlich allen Lehmann-Romanen ist bei "Wiener Straße" das Narrativ Nebensache: Frank Lehmann, Chrissie, H.R. Ledigt und Karl Schmidt beziehen eine WG in der Wiener Straße. Ihr soziales Leben aber findet genau unter ihnen im Café Einfall statt. Dort geraten sie in engeren Kontakt mit der ArschArt, die in der Nähe ein vorgeblich besetztes Haus bewohnt, einen "Intimfrisur"-Laden angemietet hat und große Pläne für die (selbstverständlich subventionierte) Ausstellung "Haut der Stadt" im Kunsthaus Artschlag hegt. Das Gleiche trifft allerdings auch auf Karl Schmidt und H. R. Ledigt zu und natürlich läuft das Ganze aus dem Ruder . . .

Situationskomik

"Wiener Straße" lebt von der liebevoll-akribischen Milieuzeichnung und der Kunst, Menschen über ihre Sprache - in bestimmten Fällen auch Sprachlosigkeit - zu charakterisieren. Regener, der "Herrn Lehmann" aus einer Kurzgeschichte heraus entwickelt hat, setzt seine Prioritäten in die Entfaltung von Figuren und auf das, was ihre Interaktion an situativer Spannung und Komik hergibt.

"Die Ausgangsposition ist ja, dass diese vier Leute zwangsweise zusammenziehen müssen über dem Café Einfall. Dass diese vier Freaks zusammenwohnen und dann noch konkurrieren um Jobs, dazu die Probleme mit Geld und Renovierung - das war ein Sitcom-artiges Szenario", erklärt er.

"Wiener Straße" spielt im November 1980. Es ist eine längst nicht mehr existente Welt, die da wiederaufersteht. Ein "dicker gelber Nebel, der nach Braunkohle und Abgasen roch", verpestet die Luft. Österreich ist noch nicht Teil der EWG, wie die EU damals hieß - deswegen haben die ArschArt-Leute allesamt keine Aufenthaltsbewilligung -, Berlin ist eine geteilte Stadt und noch weit davon entfernt, ein Hort der Manager-Smartness und des Neoliberalismus zu sein.

Hier nötigt eine Servierkraft den Chef, seinen mit Hundekot beschmutzten Schuh auszuziehen, ehe er das Lokal betritt. Eine Kassierin im Baumarkt denkt nicht daran, das Zählen und Verpacken von Münzen in Rollen zu unterbrechen, nur weil an der Kasse ein Kunde wartet. Männer und Lebensgefährten von schwangeren Frauen tragen Mitfühlbäuche, um zu erfahren, wie das ist mit den pränatalen Belastungen. Arbeitnehmer achten penibel auf die Einhaltung ihrer Mittagspausen, komme da was wolle. Bands tragen so schöne Namen wie Schottenesser, Raviolisau oder Dr. Votz. Alle sind auf irgendeine Weise Künstler. Wenn sie nicht ein Sozialpädagogik-Studium absolviert und Ausstellungs-Kuratoren geworden sind.


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-09-28 16:54:19
Letzte nderung am 2017-09-28 17:01:03



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