• vom 07.10.2017, 09:30 Uhr

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Verlorene Tiefe der Zeit




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Von Andreas Wirthensohn

  • Die französische Schriftstellerin Annie Ernaux legt ein unglaublich kluges, melancholisches Buch über das Vergehen der Jahre und das Älterwerden vor.

Annie Ernaux brilliert mit dem Erinnerungsprojekt "Das Leben schreiben". - © Effigie/Leemage/afp

Annie Ernaux brilliert mit dem Erinnerungsprojekt "Das Leben schreiben". © Effigie/Leemage/afp

"Rückkehr nach Reims", die im vorigen Jahr erschienene autobiografische Recherche des französischen Soziologen Didier Eribon, gilt als eine Art Buch der Stunde. Eribon beschreibt darin in durchaus komplexer Sprache, wie es kam, dass vor allem die Menschen in den wirtschaftlich gebeutelten Regionen Nordfrankreichs nicht mehr links, sondern mehrheitlich den rechten Front National wählen. Das Buch ist vieles zugleich: Herkunfts-, Befreiungs- und Aufstiegsgeschichte, Gesellschaftsanalyse. Man könnte sogar von einem neuem Genre sprechen: der Autosoziobiografie.

Dass diese Gattung in Frankreich seit längerem bemerkenswerte Bücher hervorbringt, zeigen "Die Jahre" von Annie Ernaux auf eindrückliche (und von Sonja Finck beeindruckend übersetzte) Weise. Im Original ist diese "unpersönliche Autobiografie" bereits 2008 erschienen, sie war in Frankreich enorm erfolgreich und bildet den Höhepunkt im Werk einer Autorin, das im deutschsprachigen Raum nur sehr sporadisch wahrgenommen wurde.

Erinnerungsliteratur

Ernaux, die hauptberuflich als Lehrerin tätig war, stammt ebenfalls aus Nordfrankreich und hat 2013 mit "Retour à Yvetot" zumindest im Titel die Eribon’sche Rückkehr vorweggenommen. Ihre vielfach ausgezeichneten Bücher sind allesamt mémoires und vor einigen Jahren gesammelt erschienen: "Écrire la vie", das Leben schreiben, heißt jener rund 1000 Seiten starke Band, zu dem auch die endlich übersetzten "Jahre" gehören. Man kann schon jetzt sagen: Ernaux’ Werk gehört zu den bedeutsamsten Exem-plaren einer "Erinnerungsliteratur" im weitesten Sinne.



"Sie will aus dem Abdruck, den die Welt in ihr und ihren Zeitgenossen hinterlassen hat, eine gesellschaftliche Zeit rekonstruieren, eine Zeit, die vor Langem begann und bis heute andauert - sie will in einem individuellen Gedächtnis das Gedächtnis des kollektiven Gedächtnisses finden und so die Geschichte mit Leben füllen."

Information

Annie Ernaux

Die Jahre

Aus dem Französischen von Sonja Finck. Suhrkamp, Berlin 2017, 256 Seiten, 18,50 Euro.

Die "Jahre" zwischen 1940 und 2008 sind demzufolge nicht die Jahre eines Ichs, sondern eines Man, eines Wir und allenfalls eines Sie der Verfasserin. Oder anders gewendet: Die persönliche Geschichte ist unauflöslich mit der allgemeinen Geschichte verbunden, und letztere ist vielfältiger Natur: Sie ist politische, gesellschaftliche, kulturelle, mentale Geschichte. Sie besteht aus Staatspräsidenten, Chansons, Filmen, Kriegen, technischen Entwicklungen, Glaubenssätzen und Regeln. "Die Jahre" sind der Versuch, die Jahrzehnte seit den 1940er Jahren in eine "kollektive Erzählung" zu fassen.

Ausgangspunkt ist dabei aber stets die persönliche Erfahrung, wie sie sich vor allem in Fotografien und Erinnerungsbildern manifestiert: "Das Schwarz-Weiß-Foto eines Mädchens in dunklem Badeanzug auf einem Kieselstrand. Im Hintergrund eine Steilküste. Sie sitzt auf einem flachen Stein, die kräftigen Beine ausgestreckt, die Arme auf den Felsen gestützt, die Augen geschlossen, den Kopf leicht zur Seite geneigt. Sie lächelt. Ein dicker brauner Zopf fällt ihr über die Schulter, der andere verschwindet hinter ihrem Rücken. Offensichtlich imitiert sie die Pose der Filmstars aus Cinémonde oder aus der Werbung für Ambre Solaire-Sonnenmilch und will so ihrem demütigend unreifen Kleinmädchenkörper entfliehen. Auf ihren Schenkeln und Oberarmen zeichnet sich der helle Abdruck eines Kleides ab, ein Hinweis darauf, dass ein Ausflug ans Meer für dieses Kind eine Seltenheit ist. Der Strand ist menschenleer. Auf der Rückseite: August 1949, Sotteville-sur-Mer."

Schon in die Bildbeschreibung fließen überpersönliche, kulturell-gesellschaftliche Aspekte mit ein. Die Einbettung der Einzelnen in die Zeitläufte, die Verschränkung von Person und Politik durchzieht das Buch auf selbstverständliche, niemals angestrengt wirkende Weise.

"Entgrenzte Gegenwart"

"Die Jahre" sind aber kein nostalgisches Heraufbeschwören vergangener Zeiten, sondern ein unglaublich kluges und dabei durchaus melancholisches Buch über das Vergehen der Zeit und über das Älterwerden. Das zeigt sich besonders eindrücklich an den immer wieder geschilderten "Familientreffen" und dem, worüber die dort am Tisch Versammelten reden: erst über Hunger und Krieg, dann über das französische Wirtschaftswunder der Trente Glorieuses, über sexuelle Befreiung, Massenarbeitslosigkeit und die Hoffnungen, die sich mit François Mitterrand verbanden, später über Konsumprodukte wie Autos oder Computer und über die Unsicherheit, die spätestens mit dem 11. September 2001 die Welt bestimmt. Verloren geht dabei im Laufe der Jahre die "Tiefe der Zeit", die Welt des Internets ist zu einer "entgrenzten Gegenwart" geworden. Nostalgisch ist dieses Buch allenfalls mit Blick auf die Intensität des Erinnerns, nicht aber auf das Erinnerte.

Das Leben schreiben, das heißt für Annie Ernaux: "Etwas von der Zeit retten, in der man nie wieder sein wird." Es wäre zu wünschen, dass dieses beeindruckende literarische Projekt auch auf Deutsch die ihm gebührende Beachtung findet.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-10-06 16:15:08
Letzte nderung am 2017-10-06 16:49:43



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