• vom 08.10.2017, 15:30 Uhr

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Die entführte Verführerin




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Von Oliver vom Hove

  • Nonsens-Surrealismus: "Unsere Frau in Pjöngjang" ist ein ziemlich verkünstelter Agententhriller von Jean Echenoz.

Der Romancier Jean Echenoz.

Der Romancier Jean Echenoz.© Ullstein Bild-EFE/Alejandro García Der Romancier Jean Echenoz.© Ullstein Bild-EFE/Alejandro García

Noch sind wir nicht so weit. Noch wird nicht alle Tage eine Frau bei aufrechtem Bewusstsein in einen Sarg gelegt und der Deckel draufgesetzt. Aber wir befinden uns in Jean Echenoz’ Thrillerroman "Unsere Frau in Pjöngjang", und da bleibt noch lange vieles ungewohnt.

Jedenfalls wird dort der Tort mit dem zugenagelten Sargdeckel gleich zu Beginn der attraktiven Mittdreißigerin Constance angetan, die lange - eigentlich den ganzen Roman lang - nicht weiß, wie ihr geschieht. Als die Frau schon glaubt, ersticken zu müssen, spürt sie am Sägemehl, das auf sie niederrieselt, dass von außen mit einem Bohrer Luftlöcher in den Sargdeckel getrieben werden. Wenigstens ein schwaches Atmen ist ihr damit gestattet.

Es darf bemerkt werden: Constance ist entführt worden. Aber alles, was sie bei diesem nicht alltäglichen Abenteuer wahrnimmt, ist die außerordentliche Höflichkeit, mit der sie vom Rädelsführer der Kidnapper und seinem Kumpan behandelt wird.



Soll Geld erpresst werden? Immerhin ist Constances Gerade-noch-Ehemann Lou Tausk ein einst höchst erfolgreicher Schlagerkomponist, der finanziell ausgesorgt hat - die Tantiemen eines einzigen Welthits fließen unablässig. Demnach wäre Tausk eine sprudelnde Quelle für Lösegeldforderungen. Aber darum geht es gar nicht.

Information

Jean Echenoz

Unsere Frau in Pjöngjang

Roman. Aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel, 285 Seiten, Hanser Berlin, 2017, 22,70 Euro.

Es geht vielmehr um seine Frau Constance persönlich, sozusagen leibhaftig. Denn Constance hat einst seinem erfolgreichsten Lied ihre Stimme geliehen. Dieser Hit, damals von ihr mit schmachtender Erotik hingehaucht, ist anderswo längst ein abgenudelter Oldie. Aber in Nordkorea ist er noch immer ein Hype. Und Constance ist dort ein Star.

Das alles ruft den französischen Geheimdienst auf den Plan. Dessen General Bourgeaud entwickelt eine abstruse Idee - abstruse Ideen scheinen eine Conditio sine qua non nicht nur der Geheimdienste, sondern auch ihrer Roman-Interpreten zu sein. "Wir werden Sie einsetzen, um Nordkorea zu destabilisieren", sagt der General endlich, nach (allzu) langen Entführungs-Präliminarien, der verblüfften Constance ins Gesicht.

Mit dem Auftrag, den engsten Berater des Diktators zu bezirzen, landet Constance also in Pjöngjang und geht gleich ans Werk. Keineswegs nur um ihre patriotische Pflicht zu erfüllen, sondern vor allem als erotischen Reiseproviant zieht sie den nur allzu willigen Parteisekretär Gang Un Ok in ihr internationales Hotelbett. Zur Flucht soll sie ihn bewegen, und das kommt auch irgendwie in Gang.

Zuvor aber bietet der Autor einige durchaus faktengestützte Reiseimpressionen aus dem abgeschotteten Territorium der Kim-Dynastie.

Schon klar: Hier soll das Genre des Agententhrillers dekonstruiert werden. Wie beim Inhalt, so spielt Echenoz auch stilistisch geschickt mit den Verfremdungs- und Distanzierungsmitteln postmoderner Ironie. So wird der Leser - eigentlich etwas unelegant für einen Franzosen - vom Erzähler gern untergehakt und weitergeführt: "Jetzt haben wir schon länger nichts mehr von General Bourgeaud gehört." Die Vertraulichkeiten zwischen Autor und Leser nehmen in dem Maß zu, als die Gewissheiten über das Erzählte abnehmen. Hauptsache, der Urheber des Romanvehikels legt sich nicht fest, behält beide Hände frei und macht sie sich nicht mit krudem Realismus schmutzig.

Natürlich verschafft solch ein verspielter Nonsens-Surrealismus dem Leser - nicht zuletzt angesichts der bedrohlichen Weltlage, die zur Zeit von Nordkorea ausgeht - einige Stunden erleichternder Heiterkeit. Künstlerisch freilich bringt dieses virtuos vorgeführte Artistenstück erzählerischer Equilibristik kaum mehr als ein Fliegengewicht auf die Waage.

Am Ende stellt sich heraus, dass der Geheimdienst-General Bourgeaud mit seiner Nordkorea-Aktion völlig eigenmächtig gehandelt hat und ob dieses abstrusen Plans fristlos entlassen wird. Wurde auch Zeit, denkt sich der Leser.

"Il faut appeler un chat un chat", sagt der Franzose: Eine Katze muss Katze genannt werden. Hier ist die Katze ein Lockvogel für den Leser. Im Klartext: Der verfremdete Agententhriller "Unsere Frau in Pjöngjang" hält nicht, was der Titel verspricht.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-10-06 16:18:09
Letzte nderung am 2017-10-06 16:44:31



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