• vom 07.10.2017, 10:30 Uhr

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Dankbarkeit für einen Denker




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Von Otto A. Böhmer

  • Michel Houellebecq erklärt in einem sehr kurz geratenen Buch die Gründe seiner Verehrung für Arthur Schopenhauer - und bleibt dabei vieles schuldig.

Von Verzweiflung nie ganz frei: Michel Houellebecq. - © Jens Gyarmaty/Visum/picturesdek.com

Von Verzweiflung nie ganz frei: Michel Houellebecq. © Jens Gyarmaty/Visum/picturesdek.com

Die Erfolgsgeschichte des Philosophen Arthur Schopenhauer, der sich, sehr zu seinem Unmut, lange Zeit verkannt sah, kam erst spät in Gang; dann aber nahm sie Fahrt auf und hält bis heute an.

Prominente Verehrer haben sich zu Schopenhauers Philosophie bekannt, darunter Leo Tolstoj ("Ja, das ist es, die Welt in einer unglaublich schönen und hellen Spiegelung"), Arno Schmidt ("ein ausgesprochener Mann, dessen gewaltige Ehrlichkeit & bullige Wucht mich auf ewig für NIETZSCHE verdorben haben") oder Friedrich Dürrenmatt ("Ich halte Schopenhauer für einen der größten deutschen Prosa-Schreiber").

Zufällige Lektüre

Nun ist ein weiteres Bekennerschreiben eingegangen, das von keinem Geringeren als dem französischen Erfolgsautor Michel Houellebecq stammt. Sein jüngst auf Deutsch erschienenes Buch, "In Schopenhauers Gegenwart", das insgesamt etwas arg schmal geraten ist, berichtet davon, wie sich eine eher zufällig erfolgte Schopenhauer-Lektüre zum Schlüsselerlebnis auswuchs, das bis heute anhält und vielleicht auch als Erklärungsmuster taugt, wenn man Veranlassung hat, sich mit den diversen Befremdlichkeiten in Houellebecqs Gesamtwerk zu befassen.



Die Anfänge, von der Erinnerung beigebracht, waren unspektakulär: "Als ich Schopenhauers ‚Aphorismen zur Lebensweisheit’ in der Stadtbibliothek im 7. Arrondissement (. . .) auslieh, mag ich sechsundzwanzig, vielleicht aber auch fünfundzwanzig oder siebenundzwanzig Jahre alt gewesen sein. In jedem Fall war es ziemlich spät für eine derart erhebliche Entdeckung."

Information

Michel Houellebecq

In Schopenhauers Gegenwart

Aus dem Französischen von Stefan Kleiner. DuMont Verlag, Köln 2017, 80 Seiten, 18,00 Euro.

Der anschließende Versuch, sich ein Exemplar von Schopenhauers Hauptwerk "Die Welt als Wille und Vorstellung" zu besorgen, erweist sich als schwierig; ein kleiner Skandal, wie Houellebecq findet: "Das Buch war seinerzeit nur antiquarisch erhältlich (. . .) (Da waren wir in Paris, einer der bedeutendsten europäischen Hauptstädte, und das wichtigste Buch der Welt wurde nicht einmal nachgedruckt!)".

Einmal gelesen und zur Kenntnis genommen, erweist sich Schopenhauer als vereinnahmend und rechthaberisch; man kommt ihm nicht mehr davon: Ich kenne "keinen Philosophen, dessen Lektüre auf Anhieb so ansprechend und trostreich ist wie die Schopenhauers. Es geht dabei auch gar nicht um seine ‚Schreibkunst‘ oder irgendeinen Blödsinn dieser Art: es geht vielmehr um die Grundbedingungen, mit denen sich jeder arrangieren können sollte, der die Stirn hat, seine Gedanken der Öffentlichkeit darzulegen."

Houellebecq, von Verzweiflung nie ganz frei, hat eine Öffentlichkeit gefunden, die ihm mehr zumutet, als er zu leisten imstande ist; aus dieser Falle kommt er nicht heraus, es sei denn, er probt eine der dunklen Ausstiegsvarianten, die dem Menschen offenstehen, der dann aber gefälligst keine Erwartungen mehr hegen sollte. Das erkenntnisleitende Interesse, das in diesem Buch formuliert wird, fällt indes merkwürdig bescheiden aus: "Ich möchte versuchen, anhand einiger meiner liebsten Stellen aus ‚Die Welt als Wille und Vorstellung’ zu zeigen, warum Schopenhauers Geisteshaltung in meinen Augen noch immer geeignet ist, allen nachfolgenden Philosophen als Vorbild zu dienen, und warum man - selbst wenn man letztendlich anderer Meinung sein sollte als er - nicht anders kann, als ihm gegenüber eine tiefe Dankbarkeit zu empfinden."

Für Schopenhauer-Fanclubs bietet Houellebecqs Buch nichts Neues, und auch der gern zitierte interessierte Laie kann sich anderswo besser bedienen. Dennoch: Ein Erfolgsschriftsteller, der sich zurücknimmt und auf achtzig sparsam bedruckten Seiten nur als Interpret eines hochgeschätzten Philosophen auftritt; das mutet sympathisch an, greift aber im Falle Schopenhauers zu kurz, der schon immer mehr zu bieten hatte als dezidierte Menschenunfreundlichkeit und begründeten Zweckpessimismus.

Mann für alle Fälle

Arthur Schopenhauer, der als Erfinder der Altersweisheit durchgehen könnte, steht nahezu unverrückbar im Strom philosophischer Meinungsbildung. Er ist ein Mann für alle Fälle, von ihm lassen sich Einsichten beziehen, die nicht unbedingt glücklich(er) machen, wohl aber das herbeireden können, was der heutige Mensch, in ungemütlichen Zeiten anscheinend am nötigsten braucht: Gelassenheit.

Sein gut bewachtes Weltanschauungsgebäude hat Schopenhauer immer wieder verlassen, um sich ins Freie zu begeben. Dort befiel ihn, wenn er seine Philosophie unbeaufsichtigt ließ, eine Stimmung, die wenig von sich hermacht, dafür jedoch um so wertvoller ist: "Der Heiterkeit, wann immer sie sich einstellt, sollen wir Tür und Tor öffnen . . ."





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-10-06 16:24:08
Letzte nderung am 2017-10-06 16:50:57



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