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Update: 14.10.2017, 12:52 Uhr

Literatur

Kothaufen und zitternde Bärte




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Von Edwin Baumgartner

  • Eine Wunderkammer des Dreißigjährigen Krieges: In "Tyll" mischt Daniel Kehlmann Fiktion und Fakten.

Liefert diesmal eine weitgehend unpoetische historische Kolportage: Daniel Kehlmann. - © P. Jungwirth

Liefert diesmal eine weitgehend unpoetische historische Kolportage: Daniel Kehlmann. © P. Jungwirth



Die hinreißendste Szene ist, wie Albrecht von Wallenstein Johannes Keplers Horoskop misstraut. Da führt Tyll Ulenspiegel, der gerade bei Kepler zu Gast ist, seinen sprechenden Esel Origenes in die Stube, und der überzeugt Wallenstein von der Gültigkeit der Berechnungen Keplers, denen zufolge der General einen langen glücklichen Lebensabend in Eger verbringen wird. Ein deutscher Dichter wird daraus sogar das Drama "Wallensteins Leben" machen.

Welch eine Szene! Ihr einziger Nachteil ist, dass sie im Buch nicht vorkommt. Der Leser kann sie hinzuerfinden - diese Szene und gleich noch ein paar andere dazu: irgendwas mit Wunderkammern, Alchemisten und einem Flugapparat vielleicht. Oder die Sache, wie Adam Olearius und Athanasius Kircher sich auf den Weg machen, um einem Drachen Blut abzuzapfen. Doch halt! - diese Szene steht im Buch. Und, ja: Sie ist durchaus eindrucksvoll geschildert.

Die Kritiken überschlagen sich denn auch vor Begeisterung über Daniel Kehlmanns neuen Roman, "Tyll". Von einem "Geniestreich" kündet Sigrid Löffler auf "swr". Als "großen Spaß" empfindet ihn Jens Jessen in der "Zeit". "Schon jetzt erscheint der maßgebliche Roman über jene Zeit", meint Wolfgang Huber-Lang für die apa, und Volker Weidermann jubelt im "Spiegel", "Tyll" sei Kehlmanns "Sieg über die Geschichte, sein historischer Triumph".



Dass zumindest bisher noch nicht vom bedeutendsten deutschsprachigen Roman seit Grimmelshausens "Simplicius Simplicissimus" die Rede war, ist dem deutschsprachigen Feuilleton hoch anzurechnen. "Geniestreich", "der maßgebliche Roman über jene Zeit" - als habe Alfred Döblin niemals seinen Roman "Wallenstein" geschrieben. Andererseits wäre es unfair, Kehlmann vorzuwerfen, er sei kein Döblin.

Information

Daniel Kehlmann

Tyll

Roman. Rowohlt, Reinbek 2017, 480 Seiten, 23,60 Euro.

Kehlmann, 1975 in München geborener und in Wien aufgewachsener Autor, Sohn des Film- und Theaterregisseurs Michael Kehlmann, wird germanistischerseits mit großen Teilen seines Werks dem "magischen Realismus" zugerechnet, der eine Welt entwirft, in der die Grenzen zwischen Fakten und Fantasie durchlässig sind. Alexander Lernet-Holenia und Gabriel García Márquez werden als Geistesverwandte genannt, während Kehlmann selbst sich auf E. L. Doctorow, Vladimir Nabokov und Lew Tolstoi beruft.

Seinen weltweiten Durchbruch hatte Kehlmann 2005 mit dem Roman "Die Vermessung der Welt", in dem er historische Persönlichkeiten, nämlich den Mathematiker Carl Friedrich Gauß und den Naturforscher Alexander von Humboldt, in einer zwischen Fiktion und Fakten angesiedelten Doppelbiografie abhandelt. Das Buch ist bis heute ein globaler Bestseller und wurde verfilmt.

"Tyll" ist, nach den Büchern "Ruhm", "F" und "Du hättest gehen sollen", Kehlmanns Rückkehr zum fiktiven historischen Roman. In "Tyll" versetzt er den allseits bekannten Spaßmacher Till Eulenspiegel aus dem 14. Jahrhundert um drei Jahrhunderte und siedelt ihn als Tyll Ulenspiegel in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges an. Ulenspiegels Vater wird als Hexer hingerichtet. Danach beginnt Tyll sein Vagantenleben, das ihn durch ein verheertes Mitteleuropa führt. Sein Naheverhältnis zu Nele zerbricht, sie heiratet Adam Olearius, den sie achtet, ohne ihn zu lieben. Tyll beschließt, allein Kraft seines Willens nicht zu sterben.

Kehlmann stellt nicht Tylls fiktive Biografie in den Mittelpunkt des Romans. Der Spaßmacher ist wenig mehr als der dickste der roten Fäden, mit dem Kehlmann sein Inventar an Personen verknüpft. Und das ist durchaus eindrucksvoll: Der Weltgelehrte Athanasius Kircher tritt an der Seite des drachenkundigen Jesuiten Oswald Tesimond auf und macht Tylls Vater den Hexenprozess. Friedrich V. und seine Frau Elizabeth Stuart, genannt "Liz", werden im Meer der Geschichte von Küste zu Küste gespült. "Liz" sehnt sich nach englischer Dichtung und englischem Drama, und schon ist Shakespeare höchstpersönlich da und schmeißt seinen Auftritt als Schauspieler in einem von ihm immerhin gut getexteten Stück. Scheint ein tüchtiger Autor gewesen sein, fast sieht man, wie Kehlmann seinem Kollegen kumpelhaft auf die Schulter klopft.

Wallenstein beklagt sich über das feuchte "Dreckswetter" in Wien, Gustav Adolf von Schweden hat einen Hustenanfall, Rudolf II. ist für die Zeitspanne des Romans um sechs Jahre zu früh gestorben, aber wenigstens erwähnen kann man ihn, weil er doch "verrückt geworden" ist. Magister Paul Fleming setzt sich in den Kopf, auf Deutsch zu dichten und nicht auf Latein oder Französisch, und dann erklärt Kirchner dem in Drachensachen unerfahrenen Olearius, dass in Medikamenten Schneckenblut nicht Drachenblut, sondern Drachengalle ersetzt. Voller Aberglaube und Irrlehre ist die Welt. Ein Jammer, dass Johannes Faust hundert Jahre zu früh lebte - er hätte prächtig hineingepasst in Kehlmanns Panoptikum.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-10-12 16:34:09
Letzte nderung am 2017-10-14 12:52:18



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