• vom 15.10.2017, 16:20 Uhr

Bücher aktuell

Update: 15.10.2017, 16:43 Uhr

Sachbuch

Zerbricht der Westen?




  • Artikel
  • Lesenswert (10)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Christian Ortner

  • Heinrich August Winkler, der wohl renommierteste deutsche Historiker, scheitert am Versuch, eine durchaus berechtigte Grundsatzfrage zu beantworten.

Historiker Heinrich August Winkler vor dem Deutschen Bundestag. - © afp/Odd Andersen

Historiker Heinrich August Winkler vor dem Deutschen Bundestag. © afp/Odd Andersen

Was bisher geschah, in kurzen Auszügen: In den USA wird Donald Trump zum Präsidenten gewählt, die Briten treten aus der Union aus, in ganz Europa erstarken rechtspopulistische Bewegungen, in Deutschland wird gar die AfD zur drittstärksten Kraft im Bundestag, eine Völkerwanderung und ihre Folgen spaltet den Kontinent, neo-autoritäre Regierungen in Polen und Ungarn fordern das Modell der liberalen Demokratie aus dem Inneren der Europäischen Union heraus, die Herren Putin und Erdogan recht aggressiv von außen, die Globalisierung gerät ins Stocken, wirtschaftlicher Nationalismus und Protektionismus kommen wieder in Mode.

Klare These fehlt

Information

Zerbricht der Westen? Über die gegenwärtige Krise in Europa und in Amerika

Heinrich August Winkler

C. H. Beck Verlag,

493 Seiten; 24,95 Euro

Und dabei ist das Jahr ja noch nicht einmal um. Von dieser "gegenwärtigen Krise in Europa und den USA", so der Untertitel, berichtet "Zerbricht der Westen?", das jüngste Buch des deutschen Großhistorikers Heinrich August Winkler. Sein Buch-Band "Der lange Weg nach Westen" über den deutschen Sonderweg und seine "Geschichte des Westens" von der Antike über die Amerikanische und Französische Revolution sind Standardwerke geworden. "Er ist im Laufe der Jahrzehnte ein weit über sein Fach hinauswirkender Bundesseelsorger der transatlantischen Wertegemeinschaft geworden", charakterisierte die "Welt" den Historiker einmal milde boshaft, "bei ,Anne Will‘ in der ARD ebenso gefragt wie im Deutschen Bundestag (wo er eine kluge Rede zu 70 Jahren Kriegsende hielt)."

Gemessen an der Reputation des Autors und seinem Anspruch, "das Zerbrechen des Westens" zu analysieren, stellt sich bei fortschreitender Lektüre seines jüngsten Werkes jedoch eine von Seite zu Seite wachsende Unzufriedenheit ein. Denn Winkler, ein nicht nur eminenter Historiker, sondern auch ein begnadeter Erzähler, berichtet von all den Krisen, Katastrophen und Problemen der letzten Jahre in den USA und in Europa, als müsse er jemanden, der diese Zeit auf der erdabgewandten Seite des Mondes ohne jede Verbindung zur Außenwelt verbracht hat, nun darüber in Kenntnis setzten, was bisher geschah.

"Aber das sind die vielen Bäume, wo bleibt der Wald?", fragte sich nicht zu Unrecht ein Rezensent der "Süddeutschen Zeitung". Darüber aber, warum es geschah, was Ursache ist und was Folge, lesen wir herzlich wenig. Analyse und Einordnung fehlen weitgehend - und im Grunde sogar eine klare These, warum der Westen zerbricht und was das bedeutet. Wer sich freilich unverdrossen durch den Text vorarbeitet, findet immer wieder auch recht bemerkenswerte Passagen.

Winklers fundamentale Ablehnung eines Beitrittes der Türkei zur EU etwa fußt auf einem Argument, das bisher kaum in den öffentlichen Diskurs eingeflossen ist. Denn in der türkisch-islamischen Tradition sieht er ein fundamentales Beitrittshindernis: mangelnde Trennung der Gewalten, Vermischung von Politik und Religion, ein eklatanter Mangel an politische Aufklärung und ein Fremdeln mit der Individualität des Bürgers wie im Westen. Und auch wenn sich die Türkei modernisiert haben mag: "Die unveräußerlichen Menschenrechte, der Kern des normativen Projektes des Westens, gehört nicht dazu."

Merkel im Fokus

Klare Worte findet Winkler auch zur deutschen Willkommenspolitik von 2015/2016, der er mehr als reserviert gegenübersteht. Der Kanzlerin Angela Merkel bescheinigt er, in Sachen Asyl "eher gesinnungs- als verantwortungsethisch" gehandelt zu haben; ein durchaus gewichtiger Vorwurf. Die seinerzeitige Behauptung Merkels, ein umfassender Schutz der deutschen Grenzen sei ohnehin nicht möglich, bedenkt der Historiker mit der Würdigung "anfechtbar", was eine ziemliche Untertreibung ist.

Und er kommt zu dem Schluss: Die Neigung der Deutschen, "in der Flüchtlingsfrage Deutschland eine besonders hohe Moral zu bescheinigen (und) anderen Nationen damit implizit Abweichung vom rechten Weg vorzuhalten. Das Echo bei den Nachbarn war fast durchgängig negativ. Am Fehlschlag, Europa in der Flüchtlingspolitik an die deutschen Vorstellungen festzulegen, gab es seit der Jahreswende 2015/16 nichts mehr zu deuteln." Eh. Aber fast 500 Seiten Lektüre sind einfach zu viel für einige wenige spannende Passagen.





Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-10-15 16:25:09
Letzte nderung am 2017-10-15 16:43:01



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. vergleiche
  2. Mängelwesen oder jugendliche Alte
  3. "Das sind gefährliche Mythen"
Meistkommentiert
  1. Ein Amerikaner besucht Wien
  2. Die Stadt der Worte
  3. Seiten für die Ewigkeit

Werbung




Werbung


Werbung