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Update: 15.10.2017, 16:45 Uhr

Sachbuch

Gestrandet




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Von Heiner Boberski

  • Abrechnung mit einer verfehlten Flüchtlingspolitik.

Wir haben zu wenig Willkommenskultur, sagen die einen. Wir müssen die Grenzen dichtmachen, sagen die anderen. Die Flüchtlingspolitik der letzten Jahre war im Widerstreit zwischen empathischer Humanität und kühler Vernunft entweder von einem "kopflosen Herz" oder einem "herzlosen Kopf" geprägt.

Die Bilanz dieser Politik kann sich nicht sehen lassen, befinden Alexander Betts und Paul Collier, beide Professoren an der Universität Oxford, in ihrem Buch "Gestrandet". Der Politologe Betts ist Experte für Flucht und Migration, der Ökonom Collier erforscht seit Jahren die Zusammenhänge zwischen Armut, Kriegen und Migration. Bei einem gemeinsamen Aufenthalt in Jordanien fragten sie sich, ob der Zustrom von Flüchtlingen nicht nur als Last, sondern auch als Chance betrachtet werden könnte. In Jordanien stand eine riesige Wirtschaftszone leer - aus Mangel an Arbeitskräften -, während in unmittelbarer Nachbarschaft zehntausende Flüchtlinge untergebracht waren, die aber nicht arbeiten durften.

Information

Gestrandet. Warum unsere Flüchtlingspolitik allen schadet - und was jetzt zu tun ist
Alexander Betts, Paul Collier
Siedler Verlag, 334 Seiten

Das Bemühen von Betts und Collier geht - aufgrund ihrer Erfahrungen und wissenschaftlichen Erkenntnisse - dahin, ein Konzept zu entwickeln, "das den Flüchtlingen der Welt nachhaltig Zuflucht bieten kann". Vom bisherigen "lagergestützten" Modell halten sie nichts und verstehen, wenn die Leute weglaufen. Ein neues Modell müsse Wert auf Autonomie und Beschäftigung legen, davon würden sowohl die Flüchtlinge als auch ihre Gastländer als auch ihre eigenen Gesellschaften, sobald sie wieder heimkehren, profitieren.

Dass immer mehr Menschen nach Europa drängen, ist den Autoren bewusst. Die Umsetzung ihrer klugen Vorschläge dazu erfordert aber einen gewissen Konsens der europäischen Länder, der momentan leider nicht erzielbar erscheint. Betts und Collier betonen jedenfalls, man solle "nicht das Pferd von hinten aufzäumen: Wenn europäische Regierungen ernsthaft die Weiterreise von Flüchtlingen drosseln wollen, dann müssen sie zuallererst in bessere wirtschaftliche Möglichkeiten in den Zufluchtsländern investieren."

Die meisten der weltweit 65 Millionen Flüchtlinge wollen in der Nähe ihrer Heimatregion bleiben. Die Autoren: "Wenn wir einen angemessenen Zufluchtsort in der Nähe der Heimat anbieten, gibt es allen Grund zu der Annahme, dass Flüchtlinge mit einer geringeren Wahrscheinlichkeit Schleuserdienste in Anspruch nehmen und sich auf eine gefährliche Reise begeben werden."





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-10-15 16:25:10
Letzte nderung am 2017-10-15 16:45:35



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