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Update: 23.10.2017, 16:49 Uhr

Sachbuch

Verzweifelte Republik




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Von Friedrich Weissensteiner

  • Walter Rauscher über Krisenjahre der Ersten Republik.

Die Republik Deutschösterreich trug bereits bei ihrer Entstehung den Todeskeim in sich. Es war eine Republik ohne Republikaner. Die Mehrheit der Bevölkerung glaubte nicht an die Existenzfähigkeit des jungen, aus der Konkursmasse des Habsburgerreiches hervorgegangenen Kleinstaates. Es gab keine konsolidierte Staatsmacht, keine funktionierende Verwaltung. Die Staatsgrenzen waren noch nicht gezogen. Was aber noch schwerer wog: Die Menschen hungerten und froren. Es fehlte rundum am Allernötigsten, an Brot, Milch und Kartoffeln, an Brennholz und Kohle.

Der bekannte Historiker Walter Rauscher hat es sich zum Ziel gesetzt, zum 100. Geburtstag der Republik die ersten Jahre der Nachkriegszeit, von deren Ausrufung am 12. November 1918 bis zu den Genfer Protokollen 1920 dem heutigen Leser vor Augen zu führen. Er tut es mit der gebotenen Sachlichkeit und wissenschaftlichen Gründlichkeit. Rauscher schildert und analysiert detailliert das Kriegsgeschehen, den Zusammenbruch der Habsburgermonarchie und das Ringen um eine neue Verfassung, den Verzicht Kaiser Karls auf "jeden Anteil an den Staatsgeschäften", die Enteignung des Hauses Habsburg, die kommunistischen Putschversuche, den Zerfall der sozialdemokratisch-christlichsozialen Koalition, den Friedensvertrag von St. Germain, den Kampf um die territoriale Einheit Kärntens und die separatistischen Anschlussbewegungen in Vorarlberg, Tirol und Salzburg.

Information

Sachbuch

Die verzweifelte Republik. Walter Rauscher
Kremayr& Scheriau
224 Seiten, 22 Euro

Vor dem Staatsbankrott

Ausführlich beschäftigt sich der Autor mit der schier trostlosen wirtschaftlichen Situation des jungen Kleinstaates. Österreich - das Wörtchen Deutsch musste aus dem Ländernamen gestrichen werden - fehlte es an allen Ecken und Enden an lebensnotwendigen Rohstoffen und Devisen. Der Staatshaushalt geriet völlig aus dem Gleichgewicht, die Lebensmittelpreise stiegen, die Kaufkraft der Währung sank Tag für Tag. Da die Nachbarstaaten und die Siegermächte, wenn überhaupt, nur zögerlich Hilfe gewährten, stand Österreich im Herbst 1922 vor dem Staatsbankrott.

Schließlich gelang es Bundeskanzler Ignaz Seipel in zähen Verhandlungen, die er mit großem Geschick führte, in letzter Minute vom Völkerbund einen teuer erkauften Kredit in der Höhe von 650 Millionen Goldkronen zu bekommen. Walter Rauscher legt ein mit vielen Zitaten reich gewürztes, gut gegliedertes, anspruchsvolles Buch vor.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-10-23 16:38:15
Letzte nderung am 2017-10-23 16:49:59



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