• vom 05.11.2017, 17:00 Uhr

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Neue österreichische Lyrik

Ausgesprochen schöne Gedichte




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Von Hermann Schlösser

  • Das Lesen von Lyrik bereitet großes Vergnügen - vorausgesetzt, dass sich die Dichter ein wenig Mühe gegeben haben. Eine Auswahl gelungener Verse.

"die bäume greifen aus ins feld" (Kirstin Breitenfellner).

"die bäume greifen aus ins feld" (Kirstin Breitenfellner).© Jugoslav Vlahovic "die bäume greifen aus ins feld" (Kirstin Breitenfellner).© Jugoslav Vlahovic

Der Wiener Dichter Manfred Chobot ist heuer siebzig Jahre alt geworden. Zu diesem Anlass hat Beppo Beyerl einen Querschnitt aus dem umfangreichen lyrischen Werk seines Freundes und Autorenkollegen Chobot zusammen gestellt. Unter dem (hoffentlich) bewusst abgegriffenen Titel "Nur Fliegen ist schöner" (Löcker Verlag Wien) findet man hier Gereimtes und Ungereimtes, Dialektales und Dialektisches.

Wie der Herausgeber erklärt, hat er einfach die Gedichte ausgesucht, die ihm am besten gefallen haben. Der Verfasser dieser Rezension nimmt sich an Beyerl ein Beispiel und verlässt sich ebenfalls nur auf seinen eigenen Geschmack. Sechs neue österreichische Gedichtbände hat er angeschaut, hier stellt er seine Lieblingsgedichte daraus vor.

Eine ironische Ode

Es gab einmal Zeiten, in denen Oden und Balladen heroische Heldentaten und leidvolle Opfergänge besangen. Aber das Oden-Pathos hat sich überlebt. Wenn ein heutiger Dichter eine Ode schreibt, ist sie vermutlich nicht ganz ernst gemeint, selbst wenn es sich wie bei Chobot um eine "mitleids-ode" handelt:

ich bedaure die schrauben
der brücken
denen keine ruhe vergönnt ist

mein mitleid den bolzen
die niemals rasten

allemal lasten tragen
den stützen und stelen

von balkonen
die keine pause erfahren

mein gefühl gebührt
dem holz und dem beton

selbst für ziegel und zement
verschwende ich

meine gedanken und
für die nimmer matten

dach- und deckenlatten

Hier wird eine witzige Idee gekonnt in Szene gesetzt. Binnenreime ("rasten-lasten"), Assonanzen ("gefühl gebührt"), schließlich der veritable Endreim am Schluss ("matten" - "latten") tragen zum lyrischen Vergnügen bei.

Gute Lyrik kann also ironisch sein, aber sie muss es nicht. Die Verse des Bandes "Funken. Klagen" (Verlag Bibliothek der Provinz, Weitra) von Dine Petrik sind zum Beispiel fragile Gebilde. Klein und leise treten sie auf, ihre Titel stehen in Klammern, als ob sie nicht so wichtig sein wollten.

Besonders eindrücklich ist ein Trauergedicht, das mit lyrischen Mitteln ein privates Totengedenken inszeniert. Der Titel ist doppelsinnig, und der Text vieldeutig:

(nichts mehr)

jetzt, wo ich die letzten toten
dem heimatboden überließ

will ich drei nächte wachen
sehen ob mir was bleibt

die erste bringt ein regenmeer
die zweite treibt mir eine krücke her

die dritte hält in frostiger hand
jene laterne

die ich als kind gekannt -
was brauch ich mehr

Dine Petrik schreibt metrisch kaum regulierte Zeilen und verzichtet in der ersten Strophe auf Reime. Auch die zweite Strophe ist nicht konsequent durchgereimt, enthält aber doch einige Reimwörter. Welche? Das herauszufinden, gehört zu den Reizen beim Lyriklesen. Wer sie gefunden hat, darf dann überlegen, ob eine solch zwanglos reimende Verbindung eher dem Sinn oder eher der Musikalität des Ganzen zugute kommt. Beides ist auch zugleich zu haben, denn gute Lyrik ist, wie Paul Valéry in einer unübertroffenen Formulierung festhielt, "das ausgehaltene Zögern zwischen Klang und Sinn."

Wortmusik

Wenn vom "Klang" die Rede ist, stellen sich Assoziationen zur Musik ein. Lyrik wird ja gern als Wortmusik empfunden, und zwar von den Dichtern und ihren Lesern gleichermaßen. Und nicht selten wird der Einklang zwischen den beiden Künsten in den Gedichten auch ausdrücklich zur Sprache gebracht. In der Fachsprache der Musiker wird das Langsamerwerden zum Beispiel als "Ritardando" bezeichnet; und ein solches hat auch Kirstin Breitenfellner in einem Gedicht ihres Bandes "reger reigen" (Passagen Verlag, Wien) komponiert - nicht mit Tönen, sondern mit Worten, die sowohl schön klingen, als auch an vergleichbare Vorläufer anklingen. So hört der Rezensent in "ritardando" ganz von ferne einen leisen Artmann-Ton:

die bäume greifen
aus ins feld
sie stehen fest

der regen fällt

die früchte reifen
ein das jahr
die müdigkeit

kämpft aus sich klar

die blumen ranken
ein das kraut
und auf den blanken

gräsern staut
gedanken-

schwer der schnee
und baut

ein haus
so schön

Mit solch betörenden Strophen im Ohr darf man den Sinn getrost ein wenig vernachlässigen, und sich das Ganze wie ein Lied ohne Töne vorstellen.

Der Gedichtband von Charles Ofaire aus der Edition Splitter ist graphisch interessanter gestaltet als die anderen Bücher.

Der Gedichtband von Charles Ofaire aus der Edition Splitter ist graphisch interessanter gestaltet als die anderen Bücher. Der Gedichtband von Charles Ofaire aus der Edition Splitter ist graphisch interessanter gestaltet als die anderen Bücher.

Im Band "Abflughafen für Schließfachgedichte" (Edition Splitter, Wien), der graphisch interessanter gestaltet ist als die anderen fünf Bücher, wird keine Wortmusik angestimmt. Der Schweizer Schriftsteller Charles Ofaire ist zwar selbst auch Musiker, der mehrmals das Andenken an seinen bevorzugten Komponisten Hector Berlioz beschwört. Dennoch gehorchen seine anspruchsvollen Gedichte eher einer Logik der Bilder als einer der Klänge. Vor allem aber kommt es hier auf die Bedeutungen der Wörter an, die aus mehreren Sprachen in Ofaires Texte Einzug halten. Viele Texte stehen in einem verzweigten System von Bezügen. Das Gedicht "Der Nachtrag" z. B. ist eine kleine Etüde über einen großen Stoff:

Der Dichter des Mittelalters berichtet es.
Ein Ritter stand im Schnee,

und über ihn flog eine Wildgans,
und die ließ drei Blutstropfen in ihn fallen.
Der Ritter vergisst sich darüber selber.

Er sinnt.
Er verliert sich. In sich.

Da ist viel Platz zum Irren.
Und er irrt umher.

Wohin weiß er nicht.
Als er endlich erwacht,

da sieht er Blancheflor.
Sie liegt im Schnee und
verdeckt die Blutstropfen.
Sein Sinnen hat seine Liebe
getötet.

Zitate und Verweise

Es mag dem Verständnis dieser Zeilen förderlich sein, wenn man sich ein wenig mit der Geschichte des Parzival auskennt. Aber notwendig ist die mediävistische Vorbildung nicht. Das Bild von den drei Blutstropfen, die in einer mystischen Verbindung zur Liebe stehen, wird nämlich von Ofaire in so großer Anschaulichkeit ausgemalt, dass es auch ohne Quellenstudien einleuchtet.

Ähnlich verhält es sich bei Cornelia Travniceks Lyrikband, der den verspielten Titel "Parablüh" und den erklärungsbedürftigen Untertitel "Monologe mit Sylvia" trägt (Limbus Verlag Innsbruck). Wer ist Sylvia? Das weiß man nur, wenn es einem erklärt wird. Gemeint ist hier die amerikanische Lyrikerin Sylvia Plath, die durch ihre expressiven Gedichte und durch ihren frühen Suizid 1963 zu einer prägenden Gestalt der feministischen Literatur wurde. Sie ist der Bezugspunkt von Travniceks Gedichten. Daniela Strigl erklärt in ihrem Nachwort zum Buch die intertextuellen Bezüge zwischen Plath und "Parablüh".

Nun unterläge ein solches Unternehmen in den Augen des Rezensenten dem Verdacht der Philologen- oder Bücherwurm-Poesie, die zwar ihre Reize, aber auch ihre Fragwürdigkeiten hat. Doch gilt für Travnicek dasselbe wie für Ofaire: Auch ihr gelingen Gedichte, die nicht nur für Sylvia-Plath-Fans von Interesse sind, sondern - etwa durch die Verwendung eines Leitmotivs - in kunstvoller Unmittelbarkeit wirksam sind:

Ratespiel

Da kommt die Frau, die
Vielleicht oder vielleicht auch nicht
ein selbstbestimmtes Leben führt

Die vielleicht oder vielleicht auch nicht
Einer ganz normalen Arbeit
nachgeht
Die vielleicht oder vielleicht
auch nicht
unter anderen Vorzeichen in
dieses Land gereist ist
Die vielleicht oder vielleicht
auch nicht
ihre Papiere nicht selbst
verwahrt

Da kommt die Frau, die
vielleicht oder vielleicht auch nicht
ganz passabel verdient

Und von der anderen Seite tritt auf:
Ein Mann, der

vielleicht oder vielleicht auch nicht

ein guter ist

Im Unterschied zu früheren Jahrhunderten, in denen Gedichte nach strengen Formvorgaben gebaut wurden, kann ein Gedicht heutzutage sehr frei gestaltet werden. Ob es sich reimt oder vielleicht auch nicht, ob es einem Metrum gehorcht - all das ist Ermessenssache. Allerdings sollte auch in deregulierten Zeiten noch die Vorgabe gelten, dass irgendeine Formgebung stattfinden müsste. Ein einfacher Satz, in drei Zeilen zerlegt, ist eben kein Gedicht. Dazu gehört nämlich die sprachliche Finesse, die das Gedicht von einem Tweet unterscheidet.

Nun darf man sich das Schreiben solcher Gedichte nicht allzu einfach vorstellen. Sie sind nicht auf Knopfdruck zu produzieren, manchmal verlangen sie Zeit, wollen oft nicht so, wie ihr Autor will. Diese Probleme beim Dichten hat die slowenische Lyrikerin Cvetka Lipuš in ihrem Buch "Was wir sind, wenn wir sind" (Drava Verlag, Klagenfurt) in ein schönes Gedicht verwandelt:

Das Gedicht, das nicht ans Licht will,
wehrt sich gegen das Papier,
wie ein
schlaftrunkenes Kind gegen
die kalte Kleidung.
Es zögert auf der Zungenspitze,
trödelt in einer
abgelegenen Kammer des Bewusstseins,

während ich ihm zurede, es vorsichtig

antreibe: Lass dich ins Wort,
ins Nest, voller Kling- und
Reibelaute; mit kundigen Händen werden sie dich
zur Form kneten, dass du die
Zeilen
hinabstolzierst wie ein

Mannequin den Laufsteg.
Verabschiede dich vom
geschwätzigen Herzen
und ziehe bei mir aus.
Vielleicht
bin ich schon morgen jemand
anders und /
du bleibst im Dunkel.

(Deutsch von Klaus Detlef Olof).





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-11-02 14:56:09
Letzte nderung am 2017-11-02 16:34:10



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