• vom 11.11.2017, 12:30 Uhr

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Protokoll einer Entliebung




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Von Ingeborg Waldinger

  • Die österreichische Autorin Olga Flor fasziniert mit einer sozialkritischen und höchst sprachspielerischen Liebesbilanz.

Vielfach ausgezeichnet: Olga Flor, Jahrgang 1968.

Vielfach ausgezeichnet: Olga Flor, Jahrgang 1968.© Lisa Rastl Vielfach ausgezeichnet: Olga Flor, Jahrgang 1968.© Lisa Rastl

Am Anfang steht das Ende: das Ende der Liebesbeziehung von P und A, das sich an einer Berliner Dreifachkreuzung, naturgemäß im Herbst, vollzieht. So beginnt der Roman "Klartraum" der österreichischen Schriftstellerin Olga Flor. Erzählt wird aus der Per-spektive der "Protagonistin" P, die von ihrem "Antagonisten" A verlassen wird. Also Spieler und Gegenspieler - wobei der Geliebte diese Bezeichnung zurückweist:

". . . das gebe seiner sprachlichen Repräsentanz von Haus aus so eine negative Konnotation mit auf den Weg". - Womit auch schon ein Vorgeschmack auf den ironisch-kritischen - und obendrein von mannigfaltigen Fiktionsbrüchen geprägten - Sprachduktus in diesem Buch gegeben wäre.

In kurzen Kapiteln, deren Überschriften die Themen "Verlust", "Glück", "Möglichkeit" und "Komik" durchnummerieren, entrollt sich die Amour fou zweier Menschen mittleren Alters.



Die Geliebten leben jeweils in festen Beziehungen: P ist mit T verheiratet und hat mit diesem zwei Kinder; A ist der Ehemann von C, auch dieses Paar hat zwei gemeinsame Kinder. Doch ihre Ehen verschleißen sich im Lauf der Jahre, das macht sich in einem "lauwarmen Desinteresse aneinander" bemerkbar, bzw. am Aufrechterhalten einer Nur-noch-Fassade. Solch Entzauberung bahnt der Sehnsucht manchen Weg.

Information

Olga Flor

Klartraum

Roman. Jung und Jung, Salzburg/ Wien 2017, 282 Seiten, 23,- Euro.

Der Roman stand auf der Shortlist des Österreichischen Buchpreises.

Die Wege der gebürtigen Österreicherin P und des Deutschen A kreuzen sich zufällig. Die beiden stürzen in eine Leidenschaft, die sie dennoch kontrollieren wollen, mittels "Handlungsübereinkunft": den Kindern keinen Schmerz zufügen, die Familien nicht verlassen. Sie leben ihre Raserei über Jahre, "punktuell freilich nur", was sie so unstillbar macht. Meist sind es bloß wenige Stunden der Gemeinsamkeit, während sein "Chauffeur wartet", ein Restleben eben, das keine Basis für einen sogenannten Neuanfang bietet. Doch steht einem solchen nicht ohnehin "dieses ewige Mitnehmen des immergleichen alten Selbst" diametral entgegen?

P und A haben ihre Geschichte als ein autarkes Dazwischen angelegt. Olga Flor, die eine studierte Physikerin ist, belehrt uns aber fundamentaler Wechselwirkungen: Eine Zentrifugalkraft zieht A zurück in seine Familie, eine Zentripetalkraft treibt P in die Rolle der Fordernden: sie will Wärme, größtmögliche Nähe. Das aber ist mit A nicht zu haben, wie P selbstverständlich weiß - und daraus folgert: "Das Beenden dieser Liebe aufgrund mangelnden Erfolges muss schon aus Selbstschutzgründen eingefordert werden".

Als penible "Protokollandin" dieser Liaison schlägt P hier einen regelrechten Bescheidton an. Sie geht mit sich selbst so hart wie selbstironisch ins Gericht. Doch was hilft alle kritische Reflexion, wenn Verstand und Gefühl nicht in Einklang zu bringen sind? Immerhin war da zunächst diese mythische Vorstellung von der Dualseele, die P fest daran glauben ließ, in A "den zweiten Teil eines Ganzen gefunden zu haben".

Geradezu manisch analysiert P den Verlauf ihrer Liaison, sowohl in Gesprächen, Mails und Briefen mit A, als auch in langen Selbstbefragungen. Dabei branden Schuldgefühle (es gibt kein Recht auf Glück in einer Zweitbeziehung) an ihr Inneres, durchkreuzen "Guidelines" ihrer Mutter das Denken (zu einem Mann muss man aufschauen können).

Krisenpralle Gegenwart

Aufschauen zu A, das kann P zumindest in Bezug auf dessen Körpergröße. Und Erfolg hat er ja auch, dieser Bestperformer, großen sogar. Aber wie hieß es doch schon zu Beginn dieses dichten Bilanzwerks? Er schämte sich für nichts, schon gar nicht "für die Cashflow-Maximierung", die er so gut beherrschte. Die volle Bedeutung dieses Satzes offenbart sich spät, denn Biographisches zu A und P wird in homöopathischen Dosen verabreicht. Etwa, dass P eine "tapfere kleine Geistesarbeiterin" und ehrenamtliche Helferin in einem Flüchtlingslager ist - mithin Teil eines braven Fußvolks, auf das das "System" seine soziale Verantwortung auslagere.

Olga Flor lässt die krisenpralle Gegenwart immer wieder aufblitzen und übt zugleich heftige Kritik am dominierenden neoliberalen Weltbild. Die schlägt sich etwa im ironischen Spiel mit dem Markt- und Management-Jargon nieder. Elegant wiederum jongliert Olga Flor mit den Texten ihrer eigenen Zunft: "Ein langer Brief wird das sein, dabei ist der Abschied so kurz." Und was bleibt? Die Einsicht in die existenzielle Einsamkeit des Menschen.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-11-10 16:17:09
Letzte nderung am 2017-11-10 16:43:42



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