• vom 11.11.2017, 10:00 Uhr

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Das Rätsel der Herkunft




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Von Shirin Sojitrawalla

  • Der deutsche Literaturkritiker Ijoma Mangold lotet in einem hinreißenden Buch seine Identität aus: elegant komisch, bildungsbürgerlich hochgeschraubt und sinnenfreudig.



Wenn Literaturkritiker selbst beginnen, belletristische Bücher zu schreiben, ist ihnen die Häme der Kollegen meist sicher. Das ist nicht nur ungerecht, etwa wenn es sich um schwülstige Liebesgeschichten oder biedere Kriminalromane handelt. Ganz anders liegt der Fall bei Ijoma Mangold, seines Zeichens Literaturchef der Hamburger Wochenzeitung "Die Zeit". Der hat es erstens nicht nötig, sich in die Fiktion zu flüchten, kommt doch sein eigenes Leben abenteuerlicher daher, als es sich manch einer ausdenken könnte, was, zweitens, dazu führt, dass sein Buch "Das Deutsche Krokodil", das seine Geschichte erzählt, zu den beglückenden dieses Herbstes zählt.

Gestus des Outings

Information

Ijoma Mangold

Das deutsche Krokodil

Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2017, 342 Seiten, 19,95 Euro.

Ijoma Mangold, 1971 in Heidelberg geboren, studierte Literaturwissenschaft und Philosophie in München und Bologna. Nach Stationen bei der "Berliner Zeitung" und der "Süddeutschen Zeitung" wechselte er 2009 zur Wochenzeitung "Die Zeit", deren Literaturchef er seit 2013 ist. Dazwischen Gastprofessuren in Göttingen und St Louis. Mit Amelie Fried moderierte er die ZDF-Sendung "Die Vorleser". Zudem gehört er zum Kritiker-Quartett der SWR-Sendung "lesenswert". Mangold ist Träger des Berliner Preises für Literaturkritik.

Es fügt sich bestens in einen Trend, der Autoren vermehrt dazu drängt, im Gestus eines Outings die Rätsel der eigenen Herkunft zu lüften. Der bekannteste von ihnen ist zur Zeit wohl der französische Intellektuelle Didier Eribon, der in "Rückkehr nach Reims" zu ergründen sucht, wie, wo und warum sich sein Ich konstituierte. Das ist, ganz unabhängig von literarischen Moden, seit jeher einer der wichtigsten Schreibimpulse.

Auch Ijoma Mangold versucht in seinem Buch zu enträtseln, warum er geworden ist, was er wurde. 1971 in Heidelberg geboren, wächst er bei seiner ihn allein erziehenden deutschen Mutter auf. Sein Vater, ein Nigerianer, geht bald nach Ijomas Geburt, so heißt es, in seine Heimat zurück. Erst nach 22 Jahren meldet er sich bei seinem Sohn und will ihn zurück nach Nigeria führen.

Mangold beschreibt sein Aufwachsen in Heidelberg, indem er auf sich selbst blickt wie auf einen literarische Figur: mit anteilnehmender Distanz spricht er von sich selbst als von "dem Jungen". Das ist nur folgerichtig, erscheint doch das Kind, das man einst war, nicht selten wie ein Fremder. Mangolds Kinderperspektive schult schönerweise auch den Blick zurück seiner Leser, die indirekt aufgerufen werden, sich der eigenen Anfänge zu besinnen. Doch als hätte er gemerkt, dass er sich aus der Distanz betrachtet nicht näher kommt, wechselt Mangold im zweiten Kapitel in ein Ich, erzählt jetzt wirklich von sich, so weit man eben wirklich von sich erzählen kann.

Seine Mutter, eine Psychotherapeutin, trichtert ihm schon früh ein, dass er kommunizieren müsse. Das Kommunizieren macht er dann quasi später zu seinem Beruf. Früh schon erlebt er kulturelle Bildung auch als Distinktionsmerkmal, was womöglich für Menschen, die sich allein durch ihre Abstammung von der Mehrheitsgesellschaft unterscheiden, wichtiger ist als für andere. Mangold unterscheidet sich durch die Farbe seiner Haut, die nicht ganz ins Schema damaligen Deutschseins passte.

Quer zur Norm

Als Junge wünschte er sich nichts mehr, als von gewöhnlichen Eltern abzustammen. Das meint die quer zur gesellschaftlichen Norm lebende Mutter ebenso wie den afrikanischen Vater. Später hingegen unterscheidet er sich gern, stilisiert sich als Außenseiter, liest Thomas Mann, hört Richard Wagner, tut, was man eben nicht tat als Teenager in den 80er Jahren. Der Buchtitel verweist ebenso auf eine Elektrolokomotive diesen Namens als auch auf ein schwarzes Holzkrokodil, das wie ein Fremdkörper in seinem mütterlichen Zuhause lauerte. Nachdem sein Vater aufgetaucht ist, verschlägt es Mangold nach Nigeria. Eine fremde Welt für ihn, eine fremde Kultur, die nicht nach den Parametern funktioniert, die ihn geprägt haben.

Die neue Familie kommuniziert nicht, sondern inszeniert große Dramen. Mangold fasst diesen
eklatanten Unterschied nach Art seines Berufs in zwei literarische Gattungen: "Die Art des Austausches und Umgangs folgte hier nicht, wie zu Hause, den Gesetzen des psychologischen Romans. Meine Familie väterlicherseits lebte in der Gattung des Epos: Haupt- und Staatsaktionen statt sentimental journey; pathetisch, nicht analytisch; dynastisch, nicht indivi-
duell."

Hinzu kommt die Macht des Kollektivs zu Lasten des Individuums, welches das Leben in Nigeria strukturiert. Mangold schreibt darüber, mal nachdenklich, mal die Pointen suchend. Das Buch bietet hinreißend komische Szenen, in denen die kulturellen Verwerfungen der eigenen Herkunft Steilvorlage für Verwechslungen sind. Dabei weiß der Autor, wie wenig es braucht, um Rassismen zu ernten. Es reicht, selbst aus der Deckung zu kommen und an den Falschen zu geraten. Immer noch. Schon wieder. Andererseits kennt er auch das Spiel mit und das lustvolle Inszenieren der eigenen Identität.

Mangold erweist sich - wie in seinen Literaturkritiken - als großer Stilist, ja beweist wie nebenbei, dass sich ein guter Stil an präziser Gedankenführung schult. Überhaupt finden sich die Vorzüge seiner journalistischen Arbeit im Buch wieder: das elegant Komische, das bildungsbürgerlich Hochgeschraubte, das Sinnenfreudige. Dabei hält seine Geschichte so einige Wendungen und Überraschungen bereit.

Erstaunlich offenherzig schreibt er über sein Leben, über das Erbe trügerischer Erinnerungen - und darüber, was es bedeutet, das Kind binationaler Eltern zu sein. Sehr bewegend schildert er den Abschied von der Mutter. Als sein Vater ein Jahr später stirbt, fährt er nicht zur Beerdigung. Dafür lassen sich Gründe finden - in Mangolds Leben sowie in diesem unbedingt lesenswerten Buch.






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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-11-10 16:20:21
Letzte nderung am 2017-11-10 16:46:32



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