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Update: 14.11.2017, 13:33 Uhr

Sachbuch

Vanz giele verbuchselte Wechstaben




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Von Mathias Ziegler

  • Simon Pichler: "Berührt, weil geschüttelt" - ein Almanach der Schüttelreime.



"Reim dich, oder ich schlag dich!", lautet die Devise mitunter, wenn Simon Pichler (derzeit gemeinsam mit seinem kongenialen Partner Leo Lukas auf Österreichs Kabarettbühnen unterwegs mit dem Programm "Fremde (teeren und) Federn") zu Werke geht und Reime schüttelt. In der Mehrzahl sind die Pichler'schen Schüttelreime aber wahre Kleinode, die für brüllende Lacher sorgen, wenn er sie im Dutzend raushaut.

Wer also, wenn nicht er, wäre prädestiniert, einen Schüttelreim-Almanach zusammenzustellen? Dieser ist nun unter dem Titel "Berührt, weil geschüttelt" vom Österreichischen Kabarettarchiv herausgegeben worden. Darin bricht Pichler eine 140-seitige Lanze für den Schüttelreim als Kunstform und betont dessen Existenzberechtigung als eigene literarische Gattung. Freilich nicht ohne ausführliche Beispiele anzubringen, die veranschaulichen, was für Schätze da entstehen können, wenn ein paar Wechstaben verbuchselt werden. Nicht umsonst gibt es eine "geheime" Facebook-Gruppe "Schüttelreime", wurden in Dr. Kurt Ostbahns legendärer "Trost und Rat"-Sendung auf Radio Wien Schüttelreime von Hörerinnen und Hörern verlesen, hat sich auch die Online-Community "Blackbox" unter der Führung von Harald Havas dem Genre gewidmet, und erscheint in München ein Periodikum namens "Sprachspielereien", in dem sie ebenfalls ihren festen Platz haben. Zumal auch schon ein gewisser Ferdinand Raimund in Couplets auf Schüttelreime gesetzt hat, um nur einen berühmten Namen in diesem Zusammenhang zu nennen.

Information

Simon Pichler: "Berührt, weil geschüttelt"
Österreichisches Kabarettarchiv; 14,90 Euro
http://www.kabarettarchiv.at/

Buchpräsentation:
13. November, 19 Uhr, Kulturcafé Nazim Hikmet
Schottenfeldgasse 95, 1070 Wien

Simon Pichler jedenfalls kennt sie alle - oder zumindest sehr viele, an denen er seine Leser auch teilhaben lässt. Er zählt 34 mehr oder weniger prominente Schüttelreim-Erfinder enzyklopädisch auf, zitiert einschlägige Bühnendialoge und lässt bekennende Schüttelreimer erzählen, warum sie gerade auf diese Weise mit der Sprache spielen. Und so darf man Zeilen lesen wie:

Gelogen ist’s, wenn Viererbanden,
erzähl’n, dass sie das Bier erfanden,
so lasst uns ihre Fahrer binden,
und and’re Offenbarer finden!

(Einer von gut 3000 Schüttelreimen aus der Feder von Horst Frank)

Oder:

Wegen meinem Magenleid
ich jetzt alle Lagen meid’,
die ich so gerne leiden mag,
wenn ich bei meiner Maiden lag.

(Helmut Bartussek, pensionierter Boku-Professor)

Oder:

Voll Schwung eröffnet sie,
mit einem Schrei den Kampf,
und geht dann in die Knie,
mit einem Scheidenkrampf.

(wieder Horst Frank, diesmal sogar als Schüttelalexandriner)

Um nur drei von schier unzählige Reimen zu nennen, die Pichler in sein Kompendium hineingepackt hat. Letzterer ist übrigens ein gutes Beispiel dafür, dass man auch das Thema Schüttelreime mit einem gehörigen Augenzwinkern betrachten sollte. Schließlich geht es vor allem um den Spaßfaktor. Aber wer das Buch erwirbt, bekommt damit nicht nur viele unterhaltsame Stunden, sondern auch einen ebenso reichlichen Fundus an Reimen, die er oder sie künftig auch selbst aus dem Ärmel schütteln kann, als wären's die eigenen. Insofern könnte der Almanach auch als Smalltalk-Ratgeber durchgehen.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-11-13 16:10:23
Letzte nderung am 2017-11-14 13:33:03



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