• vom 14.11.2017, 16:02 Uhr

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Von Christian Ortner

  • Ein spannender Blick auf Technologien, die das Leben verändern werden - oder auch nicht.

Mit Augenzwinkern beantworten die Autoren von "Bald!" wissenschaftliche Fragen. - © Hanser Verlag

Mit Augenzwinkern beantworten die Autoren von "Bald!" wissenschaftliche Fragen. © Hanser Verlag

Holen die Menschen sich künftig seltene Rohstoffe von Asteroiden, die durchs Weltall sausen? Können wir schon bald unser Gedächtnis in eine Cloud auslagern und unser Gehirn mit Computern verbinden? Bekommen wir demnächst eine neue Leber aus dem 3D-Drucker, wenn die eigene unter der Last zu vieler Martinis den Geist aufgegeben haben sollte? Werden bald Aufzüge an hundert Kilometer langen Seilen ins Weltall rasen und wieder zurück? Und vor allem: Wie bald ist bald?

Antworten auf diese und viele andere faszinierende Fragen aus der Welt der Forschung geben die US-Biologin Kelly Weinersmith und ihr Ehemann Zach, ein in Amerika höchst populärer Zeichner von Wissenschafts-Comic, in ihrem neuen Buch "Bald! - 10 revolutionäre Technologien, mit denen alles gut wird oder komplett den Bach hinuntergeht". Schon die Tonalität des Untertitels verrät, dass wir es hier mit einem höchst vergnüglichen, augenzwinkernden und sich selbst nicht immer tierisch ernst nehmenden Text zu tun haben. Obwohl Kelly Weinersmith eine angesehene Wissenschafterin ist, kommen ihre Prognosen nie oberlehrerhaft, von der eigenen Bedeutung ergriffen und staatstragend daher. Ganz im Gegenteil: "Wir haben keine Ahnung, wann irgendetwas davon geschehen wird", bekennt sie unbesorgt ein.


Sich fortpflanzende Roboter
Dem interessierten Laien fällt bei der Lektüre vor allem auf, dass die Wissenschaft bei vielen spektakulären Projekten schon viel weiter ist als allgemein bekannt. Das Kabel ins All (um daran Lifte hochzuschicken) zum Beispiel ist grundsätzlich machbar; seine Umsetzung scheitert bis dato eher an technischen Problemen und Kostenfragen, die freilich nicht unüberwindbar erscheinen. Wer mehr an den Niederungen des irdischen Alltags interessiert ist, erfährt im Kapitel "Programmierbare Materie" Erstaunliches. Da geht es darum, Substanzen herzustellen, die aufgrund von äußeren Einflüssen oder auch menschlichen Befehlen komplett ihre Beschaffenheit ändern können. Das reicht von Baumaterialen, die je nach Wetter ihre Eigenschaften verändern, bis hin zu Werkzeugkästen, die aus einer Art "Ursubstanz" (die Autoren nennen es "Pampe") nach Bedarf Zangen, Hämmer oder Sägen herstellen und wieder zum Verschwinden bringen können.

Auch sich fortpflanzende Roboter tauchen in diesem Kapitel auf. Und auch die Komplikationen, die damit verbunden sein werden: "Sie haben bei sich zu Hause programmierbare Materie? Hm, dann können Hacker ein gewisses Problem für Sie darstellen. Vielleicht wachen Sie eines Tages auf, und die Schüssel hat sich mit dem Schöpflöffel aus dem Staub gemacht . . . und wo ist ihr Tranchiermesser hin verschwunden?" Spannend ist auch zu lesen, wie avanciert die Möglichkeiten der Augmented Reality (AR) bereits heute sind, also die Erweiterung der menschlichen Sinne durch computergenerierte Bilder, Töne, haptische Gefühle oder gar Gerüche. Von der TU Graz etwa berichtet die Autorin, dass dort ein AR-System entwickelt wurde, "das städtischen Arbeitern einen Röntgenblick auf die städtische Infrastruktur erlaubt. So können sie beim Blick die Straße hinunter die Strom- und Wasserleitungen unter der Erde sehen". Wartungsarbeiten werden dadurch naturgemäß enorm erleichtert.

Auch hier sind weniger erfreuliche Folgen programmiert. "Wie würden Sie eine Welt finden, in der Ihr Gesichtsscanner feststellt, dass Sie heute das Gesicht etwas oft verzogen haben, und Ihnen empfiehlt, Ihren Arzt nach Antidepressiva zu fragen?" Diese könnte man auch brauchen, wenn die Vision Wirklichkeit wird und menschliche Gehirne über Computer-Schnittstellen miteinander zu "Mega-Gehirnen" verbunden werden, die unmittelbar (also ohne Schrift, Tastatur oder Sprache) miteinander kommunizieren können. "Die Gesellschaft würde zu einer Art Übermensch verschmelzen oder zu einem Wesen, das alle Menschen mitsamt all ihrer Unterschiede in sich vereint." Eine Vorstellung, die auch den Autoren nicht so recht geheuer ist: "Da sitzt du mit deiner Frau auf einer Couch und denkst dir, dass du dich scheiden lassen willst - und sie kriegt das sofort mit. Nein, das wäre nicht so toll."

SACHBUCH

Bald!

Kelly und Zach Weinersmith, Hanser Verlag, 480 Seiten, 22 Euro




Schlagwörter

Sachbuch, Bald!

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Dokument erstellt am 2017-11-14 16:05:12



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