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Update: 24.11.2017, 10:55 Uhr

Sachbuch

An der Wurzel des militanten Islam




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Von Michael Schmölzer

  • Der ORF-Veteran Friedrich Orter ist noch einmal nach Afghanistan zurückgekehrt. Und er hat mit "Der Vogelhändler von Kabul" einen Abgesang auf ein Land verfasst, das in Krieg, Chaos und Elend versinkt.



"Der Reporter in mir wollte dorthin, ein anderer Teil musste", schreibt Friedrich Orter in seinem schmalen Bändchen "Der Vogelhändler von Kabul", das jetzt im Ecowin-Verlag erschienen ist. Also ist der langjährige ORF-Korrespondent noch einmal nach Kabul geflogen, wo er lange stationiert war und viel gesehen hat. Einmal noch zieht es Orter nach Ka Faroshi. Auf dem Vogelmarkt von Alt-Kabul kommt er mit Afghanen ins Gespräch. Ihre Heimat hat seit 40 Jahren keinen Frieden mehr gesehen. Entsprechend schlecht geht es den Leuten, die dennoch irgendwie ihren Alltag bewältigen müssen.

Orter erzählt, wie Afghanistan als "Friedhof der Imperien" weder von den Briten noch von den Sowjets und zuletzt auch nicht von einer Nato-geführte Friedenstruppe unter Kontrolle zu bekommen war. In der Tat versuchte es das britische Empire erstmals im Jahr 1842 – das Unterfangen endete in einem Fiasko. Tausende britische Soldaten wurden bei ihrem Rückzug aus Kabul massakriert – ein einziger kam mit dem Leben davon. Die Sowjets, die 1979 in Afghanistan einmarschierten, erlebten dort ihr Vietnam. Die Volksmudschaheddin, von den USA eifrig mit Waffen versorgt, leisteten bis zuletzt erfolgreich Widerstand. Gedemütigt mussten die sowjetischen Truppen abziehen.

Und heute? Von den großen Versprechungen – Frieden, Freiheit und Demokratie – ist nichts übrig geblieben. Die USA und ihre Verbündeten haben sich nach ihrem Einmarsch nach 9/11 eine blutige Nase geholt. Die 300.000 Mann starke, vor allem von den USA unter enormem Aufwand ausgerüstete afghanische Armee kann das Land nicht gegen die erstarkenden Taliban sichern. "Afghanistan durch Intervention zu beherrschen, ist seit Jahrhunderten ein aussichtsloses Unterfangen", schreibt Orter. Die Stammesstrukturen sind schwer zu durchschauen, man setzte auf die Hilfe skrupelloser Warlords – was sich im Nachhinein immer als Fehler herausgestellt hat.

"Vier Jahrzehnte Krieg – die Erschütterungen, Verstörungen und Zerstörungen sind für die afghanische Seele unermesslich", bedauert Orter in seinem Buch. Afghanistan – ein verlorener Krieg, den zu führen das Land nicht wert gewesen sei, zitiert der Autor zum Schluss einen hochrangigen US-Diplomaten. "Eine kurzsichtige Einschätzung", schließt der Autor, "bedenkt man, dass die Tyrannei des militanten Islam mit seinen afghanischen Wurzeln nicht besiegt, sondern weltweit zum wahren Feind des Westens geworden ist."

Friedrich Orter: Der Vogelhändler von Kabul
Ecowin-Verlag, 128 Seiten; 20 Euro





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-11-23 16:14:29
Letzte nderung am 2017-11-24 10:55:17



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