• vom 03.12.2017, 10:00 Uhr

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Die Poetisierung der Welt




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Von Uwe Schütte

  • Peter Handke zelebriert und transzendiert in der Erzählung "Die Obstdiebin" die Reise ins Innere. Am 6. Dezember feiert der Schriftsteller seinen 75. Geburtstag.





Alexia heißt sie eigentlich, die Obstdiebin. Ein Beiname, der ihr blieb nach einer kindlichen Eskapade, als das Mädchen von einem fremden Obstbaum eine schöne Frucht stahl, nein: "stibitzte" in den Worten Peter Handkes. Der Vorfall steht also eher symbolhaft für impulsives Verhalten, für das Verlangen nach dem Schönen und der anarchischen Bereitschaft, sich dafür über die sozialen Konventionen hinwegzusetzen. Alexias Vater jedenfalls, ein etwas wirrer Akademiker, hat keinen Zweifel, dass seine Tochter ein besonderer Mensch, ja eine Auserwählte ist: "Du hast einen Auftrag, mein liebes Kind. Du mußt deinen ganz besonderen Platz in der Welt gegen alle behaupten, und du hast darüber hinaus eine Pflicht. [. . .] Du sollst die Macht, die du heimlich in dir hast, hervorkehren und sie ausüben."

Was genau diese Macht ist, erfahren wir nicht, aber offenkundig ist es die Gabe der Poesie, der Weltverzauberung durch das Erzählen. Wo sie auch hingeht, ver-zaubert die heilbringende "Obstdiebin" die Menschen, öffnet ihnen die Ohren und Herzen, und bringt sie zum Sprechen. Womit wiederum eine nicht unbeträchtliche Nähe anzunehmen ist zwischen der Protagonistin von Peter Handkes gleichnamiger neuer 500-Seiten-Erzählung und dem Schriftsteller selbst. Damit erklärt sich auch, dass, so wie der mit Peter Handke als identisch anzunehmende Erzähler, auch die Obstdiebin eine sommerliche Reise ins Landesinnere unternimmt.

Information

Peter Handke
Die Obstdiebin oder Einfache Fahrt ins Landesinnere
Suhrkamp, Berlin 2017, 559 Seiten, 35,- Euro.

Rolf Steiner
Der Holunderkönig. Von einem, der auszog, Peter Handke zu treffen
Haymon, Innsbruck 2017, 200 Seiten, 19,90 Euro.

Peter Hamm
Peter Handke und kein Ende Stationen einer Annäherung
Wallstein, Göttingen 2017, 164 Seiten, 20,60 Euro.

Veranstaltungshinweis:
Anschauung und Wahrnehmung. Zum 75. Geburtstag von Peter Handke. Archivgespräch. Montag, 4. Dezember 2017, 19.00 Uhr, im Literaturmuseum der Österreichischen Nationalbibliothek, Johannesgasse 6, 1010 Wien.
Moderation: Stefan Gmünder; Podiumsgespräch: Raimund Fellinger (Suhrkamp), Anna Baar und Josef Winkler. Aus Texten Peter Handkes liest Maria Happel.

Muttersuche

Sie führt vom Zentrum Paris aus in die Picardie, namentlich in die Gegend des Vexin. Dort, so weiß man, besitzt Handke ein Bauernhaus. In der bäuerlich geprägten Landschaft um den Fluss Oise sucht die Obstdiebin nach ihrer Mutter, die starke Ähnlichkeit aufweist mit der "Bankfrau", von der Handke bereits in seinem Epos "Der Bildverlust" von 2002 erzählte. Ob die Mutter-Suche von Erfolg gekrönt ist, sei hier nicht verraten, doch so viel: Am Ende des Buches wird ein Fest gefeiert, klassischer Abschluss einer Suche mit ungewissem Ausgang.

Wie sich im poetischen Kosmos von Peter Handke von selbst versteht, ist die Konstellation der Mutter-Suche als psychologisch-poetische Metapher für eine Rückkehr in die Geborgenheit der Natur zu verstehen, aber eben nicht allzu wörtlich, sondern als Bedürfnis nach dem Einssein mit etwas, das größer ist als der individuelle Horizont und als Transzendentes in der Literatur bzw. dem Schreiben erfahren werden kann.

Ganz so, wie der Erzähler Handke das Gehen durch die jegliche Spuren des Urbanen entbehrende Landschaft an sich erfährt: "Epische Schritte waren das jetzt. Und das hieß: Schritte, die einbezogen. Ich ging nicht allein unterm Himmel. Ich ging mit. Mit wem? Mit was? Ich ging mit." Wie immer hat Handke also keinen spannenden Roman zu bieten, sondern einen poetischen Text, auf den man sich geduldig einlassen muss. Wer dazu nicht bereit ist, sollte lieber zu literarischer Dutzendware greifen.




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-12-01 16:20:08
Letzte nderung am 2017-12-01 17:40:19



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