• vom 02.12.2017, 10:30 Uhr

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Literatur

Schicksalsmelodie im Scheinwerferlicht




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Von Gerald Schmickl

  • Kaleidoskop aus Stimmungen und Tönen: Jan Costin Wagners neuen Kriminalroman, "Sakari lernt, durch Wände zu gehen", kann man mit den Ohren lesen.



Jan Costin Wagner ist - und das ist für einen Schriftsteller alles andere als selbstverständlich - kein Mann großer Worte. Und auch nicht vieler: Seine Romane, die sich üblicher Krimi-Gepflogenheiten weitgehend entziehen, sind in knappen Sätzen verfasste, ruhige Versuchsanordnungen menschlicher Schicksalsverhaftungen, wozu eben oft auch tragische Vorkommnisse zählen.

Die Bücher des in Frankfurt am Main lebenden Autors mit Finnland-Faible leuchten gewissermaßen von innen, indem sie vielfach aus Stimmungen und Atmosphären bestehen, was ihren besonderen Reiz ausmacht. Da der finnische Ermittler Kimmo Joentaa, um den herum fast alle Romane Wagners gebaut sind, ebenfalls kein Mann großer Worte ist, sind es vielfach dessen Stimmungen, Melancholien, Zweifel, aber auch Freuden, die diese Erzählungen wiedergeben.

Information

Jan Costin Wagner

Sakari lernt, durch Wände zu gehen

Ein Kimmo-Joentaa-Roman. Galiani Berlin 2017, 235 Seiten, 20,60 Euro.

Tragisches Personal

Das ist beim neuesten Roman mit dem höchst eigenwilligen Titel "Sakari lernt, durch Wände zu gehen" nicht anders, obwohl er mehr ist als ein Kimmo-Joentaa-Roman (wie seine offizielle Genre-Bezeichnung lautet). Es spielen darin andere Personen wichtig(er)e Rollen: besagter Sakari, ein seltsam entrückter junger Mann, der gleich zu Beginn des Romans sein Leben auf gewaltsame Weise verliert; der Polizist Petri Grönholm, der den tödlichen Schuss auf Sakari abgibt; zwei Familien, die durch einen frühen tragischen Unfall mit- und ineinander verstrickt sind; und Kimmos Tochter Sanna, die in ihrer unbeschwerten und doch lebensklugen Jungmädchenhaftigkeit dem Roman (und ihrem alleinerziehenden Vater) eine erfreulich familiäre Erdung verschafft.

Um all diese Figuren und ihre einander - mitunter brutal - durchdringenden Verhältnisse und Geschichten dreht sich diese leise, langsam voranschreitende Erzählung, indem sie in kurzen Kapiteln kaleidoskopartig von einer Person zur nächsten überblendet, ohne dabei deren Perspektiven komplett zu übernehmen.

Sie kommen quasi nur gesondert in den Scheinwerferkegel des allgemeinen Erzählers, der auch diesmal wieder für eine unorthodoxe Lösung des "Falles", der mehr und anderes ist als ein einzelnes Verbrechen, plädiert. (In einem früheren Buch hat Wagner schon mal einen durch und durch unsympathischen Täter komplett ungeschoren davonkommen lassen . . .). Mehr sei hier gar nicht verraten. In diesem vielfach aus Andeutungen bestehenden Buch wäre jede zu genaue Festlegung eine Art Stilbruch - und damit unangemessen.

Songwriter-Sound

Es ist - anders, als uns der Verlag etwas zu prahlerisch weismachen will - nicht Wagners bester Roman, aber es ist ein sehr guter, von dem man vielleicht nicht ganz unzufällig einen bestimmten Sound länger in Erinnerung behalten wird, da der Autor, während er das Buch schrieb, gleichzeitig an einem Singer/Songwriter-Album arbeitete. Man muss dieses nicht kennen, um doch eine bestimmte Tönung mitzubekommen. Man kann dieses Buch gewissermaßen mit den Ohren lesen.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-12-01 16:23:06
Letzte nderung am 2017-12-01 17:35:01



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