• vom 03.12.2017, 13:30 Uhr

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Wofür es sich zu leben lohnt




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Von Heimo Mürzl

  • Emilie de Turckheims kunstfertiger, leichter Roman "Popcorn Melody".



Einen dichtenden Ladenbesitzer inmitten der amerikanischen Steinwüste hat die französische Autorin Emilie de Turckheim zum Ich-Erzähler ihres jüngsten Romans gemacht. Tom Elliott hat Literatur studiert, schreibt gerne Haikus in alte Telefonbücher und vertreibt in seinem Laden nur das Allernotwendigste: etwas zum Essen, etwas zum Waschen und etwas gegen die lästigen Fliegen. Er bezeichnet das als "Trilogie des Glücks" und tritt damit in die Fußstapfen seines Vaters. Der war im Laden jahrzehntelang seiner Profession als Barbier nachgegangen, hatte die Kunden rasiert und ihnen vor allem zugehört. Der alte Barbierstuhl steht noch im Laden, wurde zu einer Art Therapie- und Beichtstuhl, und nun ist Tom derjenige, der zuhört. Seine Kunden suchen den Laden häufiger auf, "um etwas loszuwerden", als "um etwas mitzunehmen". Tom trägt das mit Gleichmut und Humor - und versucht sich nebenbei an einem Roman mit dem Arbeitstitel "Leben und Tod eines Supermarkts".

Information

Emilie de Turckheim

Popcorn Melody

Roman. Übersetzt von Brigitte Große. Wagenbach, Berlin 2017, 201 Seiten, 18,50 Euro.

Shellawick, so heißt Toms 1100 Einwohner zählender Heimatort, hat nur einen großen Arbeitgeber: die Popcornfabrik Buffalo Rocks. Als diese direkt gegenüber seinem Laden einen riesigen Supermarkt eröffnet, beginnt Tom sich Fragen zu stellen und Schlüsse zu ziehen. Wofür lohnt es sich zu leben, wogegen zu kämpfen?

Emilie de Turckheim schafft es auf beeindruckende Weise, aus einem unauffälligen Ladenbesitzer einen sanften Rebellen und Aussteiger zu formen. Der Mensch als Maß aller Dinge und die Orientierung daran, was dem Menschen (noch) zumutbar ist, rücken zunehmend ins Zentrum des Romans. Wie stellt man es am besten an, die Welt zu verändern? "Popcorn Melody" wird zum Plädoyer für den Ausstieg aus dem kapitalistischen Hamsterrad, und Tom zum Anwalt gegen alle als falsch und ungerecht empfundenen Entwicklungen. Das Buch überzeugt mit seiner Mischung aus unaufdringlicher Kunstfertigkeit und französischer Leichtigkeit. Emilie de Turckheim gelingen diese flüchtigen, funkelnden Momente einer literarischen Realität, die der Leser als das Wesentliche und Eigentliche erkennt.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-12-01 16:23:13
Letzte nderung am 2017-12-01 17:33:44



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