• vom 23.12.2017, 13:30 Uhr

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Groteskes Ballett mit Sex




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Von Edwin Baumgartner

  • Lasha Bugadzes glänzend unterhaltender, saukomischer Roman "Lucrecia515".



Ein Roman aus Georgien? - Das kann ja heiter werden. Und lustig ist er geworden, richtig lustig bis zum lauten Auflachen: Lasha Bugadze legt mit in "Lucrecia515" einen Roman vor, der bestens unterhält. Auf welchem Niveau sich der Autor befindet, ist dabei ohnedies eine Frage, die man nur im deutschsprachigen Raum mit gerümpfter Nase stellen wird, als ob die Heiterkeit etwas Anrüchiges wäre.

Information

Lasha Bugadze

Lucrecia515

Roman. Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 2017, 313 Seiten, 24,- Euro.

Es geht um Sex in "Lucrecia515". Sandro, der knapp 40-jährige Protagonist, verdient sein Geld als Mitbesitzer einer Pflaumensoßenfabrik (ausgerechnet Pflaumensoße) und ist Schürzenjäger von Berufung. Zumindest versteht er selbst es so. Die modernen Kommunikationsmittel machen es ihm möglich: Akribisch führt er Buch und kategorisiert seine Eroberungen: "Mari-ana K. (22. März, Amsterdam. Wirkt im Bett sehr unglaubwürdig)", heißt es da beispielsweise. Ein rechter Sex-Pedant ist dieser Sandro, und keineswegs nur bei gutem Sex. Der dürfte sowieso kaum je stattfinden mit seinen Eroberungen. Prinzipiell aber ist sein Leben schon okay so und eigentlich recht vergnüglich.

Dann freilich passiert Sandro zweierlei: Erstens Ana und zweitens Keti. Ana ist eine Eroberung, Keti ist seine Frau. Ana lässt sich nicht ablegen wie ein gebrauchter Mantel (oder, besser gesagt: wie eine von Sandros bisherigen Affären), Keti schöpft Verdacht und macht sich ans Knacken von Sandros Mail-Account. Und schon hat sie Kontakt zu Ana. Womit die Verwirrungen erst richtig losgehen.

Lasha Bugadze, am 1. Jänner 1977 in Tiflis geboren, ist Theaterautor, Erzähler und Cartoonist. 1998 hat er mit dem Theaterstück "Otar" als Autor debütiert, 2016 erschien sein Roman "Der Literaturexpress" aus dem Jahr 2009 auf Deutsch und wurde überwiegend positiv besprochen. Die Reaktionen auf "Lucrecia515", 2013 in Georgien erschienen und jetzt in der Übersetzung von Nino Haratischwili und Martin Büttner vorgelegt, sind schon wesentlich durchwachsener.

Irgendwann dürfte die Frankfurter Verlagsanstalt nämlich den Eindruck erweckt haben, zumindest geht das aus einigen Rezensionen hervor, "Lucrecia515" sei ein satirischer Roman mit Tiefgang, eine Gesellschaftssatire, irgendetwas in dieser Richtung. Solch ein Versprechen löst Bugadze schon deshalb nicht ein, weil er es offensichtlich nie abgegeben hat.

Schon deshalb nicht, weil es in "Lucrecia515" keine Charaktere, sondern nur Typen gibt. Die Frauengestalten sind männliche Konstruktionen, Ana als Geliebte, Keti als Ehefrau - aber sie schlagen schließlich um in ganz andere Frauentypen, die ebenfalls männliche Konstrukte sind, und auch Sandro selbst ist ein männliches Konstrukt.

Mit diesen Typen führt Bugadze eine Art Slapstickkomödie auf, ein Ballett zweier Frauen mit einem zwischen ihnen umherstolpernden Mann. Die Szenen sind absurd und grotesk, und der Sex kommt ungefähr so erotisch daher wie eine Dampflok mit gelöschtem Feuer unter dem angerosteten Kessel. Die Sprache ist flott, zwischen dem Tonfall von E-Mails und mündlicher Erzählung schwankend, stets das Tempo wechselnd und im Spiel mit Perspektiven mehr von russischen Filmgrotesken als von ehrwürdiger Romantradition inspiriert.

Von großem Meisterwerk keine Spur - aber gewiss ein glänzend unterhaltender, greller, frischer und, ja: saukomischer Roman ist "Lucrecia515". Das allein ist viel wert!





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-12-22 15:53:16
Letzte nderung am 2017-12-22 16:12:59



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