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"Erschütterndste Leidenschaft"




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  • Der deutsche Schriftsteller Jochen Missfeldt erzählt von der zweiten großen Liebe des Theodor Storm - ein anrührender, sehr lesenswerter Roman.



Jochen Missfeldt wurde 1941 in Satrup/Schleswig-Holstein geboren.

Jochen Missfeldt wurde 1941 in Satrup/Schleswig-Holstein geboren.© B. Friedrich/Ullsteinbild Jochen Missfeldt wurde 1941 in Satrup/Schleswig-Holstein geboren.© B. Friedrich/Ullsteinbild

Es gibt Einsichten, die stehen für ein ganzes Leben. Als er siebzig Jahre alt war, befand der Dichter Theodor Storm: "Ich bedarf äußerlich der Enge, um innerlich ins Weite zu gehen". Damit brachte er seine ganz persönliche Existenzform auf den Punkt, die sich im Kleinen einrichtete, um von dort aus zum Großen und Ganzen zu kommen. In der deutschen Literaturgeschichte gilt Storm als Provinzdichter von nationalem Rang; das ist nicht abwertend gemeint, sondern zeigt nur einen Wirkungskreis an, von dem man, bei allem Wohlwollen, nicht zu viel erwarten darf. Wer in der Provinz wohnt, muss nicht notwendig provinziell werden; er hat vielleicht sogar mehr Möglichkeiten, in seiner Welt das zu entdecken, was "allen in die Kindheit scheint und wo noch niemand war: Heimat" (Ernst Bloch).

Storm ist der Sohn eines Juristen, und er wird selber Jurist; auch das zeigt eine Kontinuität an, die es in sich hat. Seine Heimatstadt Husum, die er später auch im Gedicht zu würdigen weiß ("Doch hängt mein ganzes Herz an dir,/ Du graue Stadt am Meer"), verlässt er nur ungern; zum Studium muss er allerdings raus und fremde Luft schnuppern. Er macht das, wie anderes auch, bedächtig: Vier Jahre studiert er in Kiel, das nicht gerade aus der Welt ist; zwischendurch (1838/39) wagt er sich nach Berlin, wo es ihm so gut gefällt, dass er auch dort gern den Kerl von der Küste gibt.



Nach dem Studium geht es wieder nach Husum zurück; er lässt sich als Rechtsanwalt nieder, heiratet und bekommt Kinder (so wie sich’s gehört). 1856 wird er Amtsrichter in Heiligenstadt, ein Amt, das ihn nicht in die Überanstrengung treibt. Erste Novellen ("Immensee"), Märchen ("Der kleine Häwelmann") und Gedichte sind erschienen; der Jurist Storm macht sich als Schriftsteller einen Namen. Dabei erweist er sich als Autor, der an sein Publikum denkt: Ein volkstümlicher Ton durchzieht seine Schriften, die, so scheint es, allesamt an einem Ort entstanden sein könnten, der auch als Titel einer Erzählung dient: "Am Kamin".

Information

Jochen Missfeldt

Sturm und Stille

Roman. Rowohlt, Reinbek 2017, 352 Seiten, 22,- Euro.



Erst mit der Zeit, als seine literarische Übung den Meister macht, wird Storms behagliches Erzählen mit raueren Klängen durchsetzt; in seinen besten Novellen ("Pole Poppenspäler", "Die Söhne des Senators", "Der Schimmelreiter") geht es um Konflikte, die das Ich angesichts übermächtiger Wirklichkeiten zu durchstehen hat; dabei kann es äußerlich unterliegen, im eigenen Bezirk aber eine Würde bewahren, deren Gewicht vor allem an der Liebe hängt. Die Liebe ist eine Himmelsmacht, das haben nicht nur die Dichter immer wieder beschworen; wenn man Glück hat, widersetzt sich die Liebe sogar ökonomischen Zwängen und findet, über die Zeiten hinweg, zurück in die seligen Anfänge.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-01-04 15:02:09
Letzte nderung am 2018-01-04 16:38:17



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