• vom 05.01.2018, 17:00 Uhr

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Die Tränen der Moderne




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Von Uwe Schütte

  • Der deutsche Schriftsteller Marcel Beyer widmet sich in einem großartigen Essayband dem Thema des öffentlichen Weinens.



Essaybände rangieren vermutlich auf der Unbeliebtheitsstufe von Lyrikbänden, wenn es um die Gunst durchschnittlicher Bücherkäufer geht, die es vor allem nach guter Literatur, sprich: spannenden Romanen verlangt. Doch das kommt nicht von ungefähr: Wer ein guter Erzähler ist, muss nicht notwendigerweise auch ein kluger Kopf sein, den Gedanken und Beobachtungen umtreiben, die man nicht in Form fiktionaler schriftstellerischer Texte verwerten kann, sondern die besser in Essays aufgehoben sind.

Meisterliches Niveau

Information

Marcel Beyer

Das blindgeweinte Jahrhundert

Bild und Ton. Suhrkamp, Berlin 2016, 274 Seiten, 23,60 Euro.

Mustergültig ist das der Fall in "Das blindgeweinte Jahrhundert" von Marcel Beyer. Der Büchner-Preisträger des Jahres 2016 ist kein Schriftsteller wie andere. Seit seinem zweiten Buch, dem meisterlichen Roman "Flughunde" (1995), hat er konsistent Erzählwerke auf dem höchsten Stand zeitgenössischer Literatur veröffentlicht, zumal in den Romanen "Spione" (2000) und "Kal-tenburg" (2008). Zurecht allenthalben gelobt wurden auch seine Gedichtbände, weshalb es nun kaum verwundern kann, dass "Das blindgeweinte Jahrhundert", sein zweiter Essayband nach "Nonfiction" (2003), auf bewunderungswürdigem Niveau angesiedelt ist.

Dass der Band aus den Poetikvorlesungen hervorging, die
Beyer zu Beginn des Jahres 2016 an der Universität Frankfurt/M. gehalten hat, ist dem Buch kaum anzumerken. Die längeren Kapitel, die offenkundig auf die Vorlesungen zurückgehen, werden nämlich ergänzt durch kürzere Abschnitte, in denen Beyer bei-spielsweise einen einzelnen, verstörenden Vorfall aufarbeitet, der sich nach einem Auftritt an der Goethe-Universität vor dem Bahnhof ereignet hat: Ein von seiner Notlage sichtlich ausgelaugter Sandler spricht Beyer an und redet über die ihm offenkundig wohlbekannten Gedichte des Vorübergehenden. Der Autor kann sich zwar diffus erinnern, früher mit dem sozialen Außenseiter gesprochen zu haben, weiß aber nicht mehr, wer dieser ist und muss sich mit dem Gefühl verabschieden, "dass uns die Liebe zur Literatur nicht zu retten vermag".

Was alle zehn Teile des Buches zusammenhält, ist das Thema des Tränenvergießens, genauer gesagt: des öffentlichen Weines, und dies zumal dann, wenn es sich um Männer handelt. Denn anders als im "Geistlichen Tagebuch" des Ignatius von Loyola, aus dem Beyer die einschlägigen Stellen zitiert, an denen der Begründer des Jesuitenordens davon berichtet, wie er während Andacht und Gottesdienst seiner rasenden Rührung über Gottes Gnade durch herzerleichterndes Weinen einen emotionalen Ausdruck verschafft, ist das öffentliche Tränenvergießen in der Moderne eher eine Seltenheit.

Hoch- und Populärkultur

So soll Adorno im April 1969 beim sogenannten "Busenattentat", als revolutionäre Studentinnen neben ihm ihre Brüste enthüllten, geweint haben. Zwar war damals der Hörsaal voller Zeugen, welche die tiefe Indignation des Exilanten über diese als Erniedrigung gedachte Sponti-Aktion beobachteten, doch nur eine Person will gesehen haben, dass dem Professor dabei Tränen der Empörung übers Gesicht gelaufen sein sollen. Dabei handelt es sich um niemand Geringeren als den dubiosen "Fernsehhistoriker" Guido Knopp, der diesem Irrtum durch medial verbreitete Wiederholungen fast den Status einer bewiesenen Wahrheit angedichtet hat.

Ebenso beschäftigen Beyer die Vanillesoße-Tränen, die ein Hund im Beatles-Song "I am the Walrus" vergießt sowie die vom Kinderstar Heintje besungenen Tränen, und manches mehr zwischen Hoch- und Populärkultur, Kulturgeschichte und Autobiografie.

"Das blindgeweinte Jahrhundert" ist eine intellektuelle Abenteuerreise und Pflichtlektüre für jeden Lesenden.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-01-04 15:02:13
Letzte nderung am 2018-01-04 16:44:03



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