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Geschichte einer Amour fou




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  • "Caroline. Alberto Giacomettis letztes Modell" von Franck Maubert.



Alberto Giacometti war längst ein berühmter Maler und Bildhauer in Paris, als er Ende der fünfziger Jahre in einer Nachtbar im Viertel Montparnasse die junge Prostituierte Caroline kennenlernte. Sie wurde sein Modell, seine Muse und Geliebte.

Bis zu seinem frühen Tod als 65-Jähriger blieben sie einander in wildbewegter Beziehung verbunden. Nahezu allabendlich kam die um 37 Jahre jüngere Caroline in Giacomettis winziges Atelier in der Rue Hippolyte-Maindron, um dem ungeduldigen Künstler für seine schmalen, wie ausgemergelt wirkenden Figuren oder für die zerkratzten Porträts Modell zu sitzen.

Information

Franck Maubert

Caroline. Alberto Giacomettis letztes Modell

Aus dem Französischen von Eva Moldenhauer. Piet Meyer Verlag, Wien/Bern 2017, 112 Seiten, 16,50 Euro.

Sie erlebte staunend das aufgewühlte Ringen des Künstlers um sein Werk. Immer aufs Neue por-trätierte er sie, mehrfach als "Caroline im roten Kleid". Insgesamt 20 gemalte Porträts, viele Zeichnungen und Grafiken sowie eine Porträtbüste hat Giacometti von 1961 bis 1966 von Caroline angefertigt.

Das Leben mit dem Künstler geriet für sie voller Überraschungen. Giacometti kaufte ihr eine Wohnung in der Avenue du Maine sowie einen roten Sportwagen und genoss die Ausflüge mit der jungen Frau in die Natur. Er zeigte ihr die Sammlungen des Louvre, nahm sie mit nach London, wo sie das British Museum besuchten und gemeinsam mit Francis Bacon tafelten.

Giacomettis Ehefrau Annette und sein Bruder Diego betrachteten Giacomettis flamboyante Hingabe an die blutjunge Frau mit geharnischtem Misstrauen. Als Alberto 1966 todkrank in Chur im Kantonsspital lag, eilte Caroline zweimal an sein Sterbebett. Im Flur des Spitals kam es zu Schreiduellen der beiden Frauen. Schließlich war es Caroline, die dem Toten den Mund schloss.

Jahrzehnte später macht sich der Schriftsteller Franck Maubert auf die Suche nach Caroline und findet eine verarmte alte Frau in einer verwahrlosten Zweizimmerwohnung in Nizza. Die Geschichte seiner Begegnung mit der letzten Liebe von Giacometti ist so anrührend wie aussagestark: Alles, was die zierliche Frau über ihre Beziehung zu dem ebenso schwierigen wie verletzlichen Charakter Giacometti erzählt, ist erfüllt von einer lebenslangen Verehrung, Liebe und Hingabe. Eine Amour fou, wie sie jetzt im Buch steht: lesenswert.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-01-04 15:05:02
Letzte nderung am 2018-01-04 16:43:13



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