Erst allmählich, so sagt er, musste er lernen, sich "mit sich selbst zu befreunden". "Wie aber baut man seine Persönlichkeit um? Heller beschreibt den Prozess als unendlich langsam und von vielen Rückschlägen begleitet. Jahrzehntelange Selbstverständlichkeiten mussten revidiert werden. Ansprüche, die Heller an sich selbst gestellt hatte, mussten korrigiert und durch neue Ansprüche ersetzt werden", berichtet Seiler.
Heller gibt über diesen Prozess, diese Art von Häutung mittlerweile ja auch in vielen Fernseh- und Zeitungsinterviews Auskunft - und dabei kann man den Eindruck gewinnen, dass es ihm damit zwar sichtlich ernst ist, dass er aber - ob er will oder nicht - selbst in seiner Selbstironie und Selbstkritik noch selbstgefällig bleibt. Aber wäre ein komplett geläuterter, fast schon entrückter Heller ohne jegliches Ego nicht eine - zumindest öffentlich - uninteressante, langweilige Figur!? Eine seiner großen Stärken besteht ja gerade darin, aus inneren - und mitunter auch äußeren - Widersprüchen Energie zu beziehen und diese kreativ umzusetzen. Diese Widersprüche mögen sich wandeln und verändern, aber sie bleiben für Hellers Wirken konstitutiv. Dass sie ihn nun nicht mehr zerreißen, ihn nicht von einer Sucht in die nächste treiben (und Menschen rund um ihn in Abgründe stürzen), ist freilich ein psychosozialer Fortschritt, den man nicht ästhetisch aufzurechnen braucht.
Die vielleicht größte Anerkennung hat sich Heller, der in seinem Pass als Berufsbezeichnung "Poet" stehen hatte, wohl zeitlebens als Dichter erhofft. Aber gerade auf literarischem Gebiet sind die Kritiken besonders harsch ausgefallen - nicht nur von seinen "Lieblingsfeinden", wie etwa der einstigen "profil"-Kritikerin Sigrid Löffler oder dem Wiener Germanisten Wendelin Schmidt-Dengler.
Selbst das Lob des deutschen Kritiker-Grandsigneurs Joachim Kaiser, der Hellers Erzählband "Schlamassel" sehr positiv besprach, und in dem "unterschätzten Prosa-Autor Heller" einen Maupassant, einen Schnitzler und "Joseph Roth von morgen" sah, führte zu einer unwillkommenen Gegenreaktion: "Joachim Kaisers Urteil bewirkte etwas anderes. Die Verbindung zwischen ihm, der in seiner Branche durchaus eine Reizfigur ist, und der Reizfigur Heller erzeugte einen Magnetismus besonderer Abstoßungen."
Als Dichter am Zenit
Dabei kann man Christian Seiler durchaus zustimmen, wenn er den Schriftsteller Heller in dessen 2008 erschienenem Buch "Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein" am Zenit seines literarischen Könnens sieht. "Es führt vor, wie ein Stoff so lange gewartet hat, bis sein Autor in der Lage ist, ihn auf der Höhe des eigenen Niveaus zu bewältigen. Die Sprache ist endgültig nicht mehr ,wie Schnitzler oder ,wie Maupassant, sie besteht aus lupenreinem autochthonem Hellerschem Eklektizismus."
So bleibt zu diesem Buch, nämlich der Biografie mit dem Titel "Feuerkopf" (wozu Heller bei der Präsentation nur lapidar meinte: "Besser als ,Arschloch!"), als einzige kleine Einschränkung zu sagen, dass es nicht besonders schön geraten ist. Vor allem das Cover. Aber das dürfte auf Kosten des Verlags gehen. Nicht wirklich schön, vor allem, was den Satzspiegel betrifft, ist auch ein Sammelband mit allerlei Wien-Texten von André Heller ("Wienereien oder ein absichtlicher Schicksalsnarr". Verstreutes gesammelt. Verlag C. Brandstätter, Wien 2012, 255 Seiten). Allerdings ist das weniger dem in ästhetischen Dingen ansonsten unverdächtigen Verleger (und Heller-Langzeitfreund) Christian Brandstätter geschuldet, als viel mehr dem Umstand, dass halt sehr viele Texte in dem kleinen Buch untergebracht werden mussten - und es ausschauen sollte wie Hellers Notizbücher. Dem Jubilar gefällts - und das ist in diesem Fall wohl die Hauptsache.
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