
Solch minutiöse Betrachtungen sind gewiss umständlich. Beispielsweise braucht Klotz 20 Druckseiten, um ein vierzehnzeiliges Sonett des Barockdichters Georg Rudolf Weckherlin zu erläutern. Zu schnellem Überblickswissen tragen diese Kapitel nicht bei. Wer aber genügend Liebe zur Sache mitbringt, kann von Volker Klotz lernen, wie man anspruchsvollen lyrischen Texten en Detail gerecht wird.

Heinz Schlaffer gibt sich nicht mit der Betrachtung einzelner Gedichte ab. Ihm geht es um die Entfaltung einer großen kulturtheoretischen These: Die Lyrik, erklärt er, hatte ursprünglich sakrale Funktionen. Sie diente der Geisterbeschwörung, der Magie und dem Dialog mit Göttern und Dämonen. Aus diesen "Zwecken" entstanden, so Schlaffer, die "Mittel" des lyrischen Sprechens (also vor allem Vers und Reim), die geeignet sind, die Dichtersprache als eine besondere Sprache zu kennzeichnen. Im Lauf der Jahrhunderte hat sich die Lyrik nun von ihren Ursprüngen entfernt - aus der "Geistersprache" wurde die Verskunst, die nach mehr oder weniger strengen Regeln versuchte, alte "Mittel" weiter zu verwenden, ohne sie weiterhin den traditionellen "Zwecken" zu unterwerfen.
Schlaffer macht aber auch überzeugend klar, dass die alten magischen, rituellen und religiösen Kräfte in der scheinbar säkularisierten Poesie der Neuzeit weiter leben: In Gedichten, die einer Person gewidmet werden, erhält sich die alte Tradition der "Anrufung" - und dergleichen mehr.
Mit solch grundlegenden Erwägungen öffnet Schlaffers elegant geschriebener Essay die Augen für einige der kulturellen Tiefenstrukturen, die dem weltweit verbreiteten Phänomen "Lyrik" zugrunde liegen.
Man sieht also, Heinz Schlaffer behandelt sein Thema en Gros. Auf Seite 14 des Buches spricht er zum Beispiel zuerst von der Rig-Veda (Sanskrit), dann über Giosué Carducci (Italien, 19. Jahrhundert), streift dann auf Seite 15 sowohl den Earl of Rochester (England, 17. Jahrhundert) als auch Rolf Dieter Brinkmann (Deutschland 20. Jahrhundert), um schließlich bei Goethe anzukommen, bevor noch das Ende der Seite erreicht ist.
Diese Vogelschau des Überfliegers gibt zwar den Blick auf die sogenannten "großen Linien" frei - weckt aber zugleich die Sehnsucht nach all den vielen schönen Einzelheiten, die dabei zwangsläufig auf der Strecke bleiben. Sie aber werden von Volker Klotz liebevoll beachtet. So gesehen, ist es wohl am besten, wenn Liebhaber der traditionellen Lyrik beide Bücher lesen.
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