
Raffung und Dehnung
Dieser Roman hat einen beinahe enzyklopädischen Gestus und versprüht einen unaufgesetzten, allein durch die Handlung legitimierten Universalitätsanspruch. Trotz Nádas Affinität zur erzählerischen Opulenz des 19. Jahrhunderts arbeitet er geschickt mit Zeitraffung und Dehnung. Er beherrscht beide Techniken ebenso virtuos wie den Wechsel der Erzählperspektiven. Bei einer malerisch beschriebenen Taxifahrt durch Budapest inszeniert er eine Unterhaltung des Chauffeurs mit seinen weiblichen Fahrgästen und unterfüttert diese glanzvolle erzählerische Passage mit inneren Monologen aller drei Figuren. An dieser Stelle sei auch die vorzügliche Übersetzung von Christina Viragh gelobt.
Ob nun Robert Musil, wie viele Experten mutmaßten, oder doch Nikolai Gogol (auf den sich Nádas sehr oft bezieht) hier stärker literarisch Pate stand, sei dahingestellt. Man könnte in diesem Zusammenhang auch Tolstoj, Balzac, Schnitzler und Heimito von Doderer anführen, aber im Geiste ist Péter Nádas in seinem Epos auch ganze nahe bei Sigmund Freud.
Die "Parallelgeschichten" sind mehr als eine anstrengende literarische Hochgebirgswanderung, bei der man alle Sinne schärfen muss. Das ist ein künstlerischer Achttausender, ein kolossales Buch wie ein Himalaya-Brocken, das nicht gelesen, sondern bezwungen werden will. Nur gut Trainierte werden den Gipfel (das Romanende) erreichen und ein einmaliges Glücksgefühl erleben.
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