Es gibt Charaktere, die gleichzeitig Widerwillen und Sympathie wecken. Mara Muthspiel ist so jemand. Sie kann ihr Leben nicht leiden und verkriecht sich lieber in Selbstmitleid, bevor sie etwas daran ändert. Damit ist sie auch der Prototyp der nach außen hin funktionierenden, aber innerlich zerrütteten modernen Existenz: Sie ist Ende dreißig und ausgebrannt, ihr Freund hat sie verlassen, sie hat Psychologie studiert, verbringt ihren Alltag aber damit, Gewaltszenen aus Fernsehfilmen herauszuschneiden.
Eines Tages entdeckt Mara Muthspiel am Gang ihres Wohnhauses die Leiche eines jungen Mädchens. Und nachdem sie den ersten Fluchtreflex mehr schlecht als recht überwunden hat, beginnt ihre innere Paralyse aufzubrechen. Zum Schluss wächst sie über sich hinaus, bekämpft ihre Unentschlossenheit und hilft einer fragilen Alkoholikerin unter massivem Gesetzesbruch aus einer Notlage. Wodurch einem Mara Muthspiel dann doch noch sympathisch wird.
"Keine Wunde nichts" ist nach dem vielbeachteten Roman "Selmas Zeichen" (2008) Amaryllis Sommerers zweiter Psychothriller. Und wieder ist es einer, den man nicht aus der Hand legen kann. Mit feinsinniger, tiefgründiger Sprache zeichnet die österreichische Autorin ein ebensolches Psychogramm ihrer Charaktere.
Die Krimihandlung rückt in den Hintergrund, auch dem Leser erscheinen die seelischen Abgründe der Menschen, die durch den Leichenfund aus ihrem Alltag gerissen werden, mit einem Mal viel wichtiger als die Leiche selbst. Sommerer schaut genau hin, nimmt sich Zeit für ihre Figuren und lässt sie an der äußeren Handlung wachsen. Dabei bleibt auch Raum für Gesellschaftskritik: Drogen und Gewalt werden ebenso thematisiert wie Ignoranz und Populismus.
Amaryllis Sommerer: Keine Wunde nichts. Thriller. Milena Verlag, Wien 2010, 220 Seiten, 14,90 Euro.