
Nun läuft man zwangsläufig darauf zu, daheim unter der Leselampe unterwegs in Wiens Bezirken 19 bis 23, die man endlich an der Hand von Friedrich Achleitner, dies natürlich symbolisch, durchwandern kann. Den dritten Wien-Band seines Opus Magnum hat er noch geschafft, und zum Glück. Das vor Jahrzehnten als einbändiger Schnellschuss geplante Werk über die "Österreichische Architektur im 20. Jahrhundert" bleibt nun ein fünfbändiger Torso. Der Niederösterreich-Band fehlt, das Bundesland bleibt Niemandsland der Architektur-Zeitgeschichte, die Riesenarbeit schafft der 80-Jährige nicht mehr. Allein der dritte Wien-Band kostete 15 Arbeitsjahre und ungezählte Gehkilometer.
Achleitner hat den untrüglichen Blick für Qualität - und eine Sprache, die Vorfreude auf seine typischen pointierten Formulierungen in jedem neuen Band entstehen ließ. Er kann schwärmen (etwa von Otto Wagners Nußdorfer Wehranlage), er ist ein Meister der subtilen Ambivalenz (über Josef Hoffmanns Villa Ast: "Hier wurde der Zenit einer gestalterischen Perfektion erreicht, der nicht mehr überschritten, sondern nur mehr in Frage gestellt werden konnte") und er kann mit Hohn übergießen, was sich modisch aufplustert: "Eigentlich müsste man für den Wohnbau eine Art Genieparagraphen schaffen, der den normalen Bürger (falls es diesen gibt) vor Genieblitzen schützt."
Vor allem öffnet er dem Leser die Augen für Sein und Schein, Zusammenhänge und Qualität auch dort, wo sie nicht in die Augen springt. Wenn er auch keinen Führer "in erster Linie zu Objekten, sondern zu Fragen der Architektur an Hand von Objekten" im Sinne hatte, so ist es dank hunderter Abbildungen ein Werk geworden, in dem man schwelgen, in dessen etwas labyrinthischer Anlage man auf Entdeckungsreisen gehen und dem man sich sinnlich hingeben kann. Ein Solitär unter den Architekturbüchern.
Friedrich Achleitner: Österreichische Architektur im 20. Jahrhundert - Wien 19.-23. Bezirk. Residenz Verlag, 492 Seiten, 49,90 Euro.