
Da sind drei Freunde, seit Schulzeiten miteinander verbunden, und nun in die Jahre gekommen. Libor und Finkler, kritische jüdische Intellektuelle, beide verwitwet, gehen jeder auf seine Art mit ihrer Einsamkeit um. Der dritte und Jüngste von ihnen, Julian Treslove, ist völlig anders: auf merkwürdige Weise leidet er heftiger an seiner "nicht-jüdischen" Identität als an dem Umstand, dass gleich zwei Ehen in die Brüche gegangen sind oder dass ihn auch mit den eigenen Kindern nicht viel verbindet. Julian Treslove ist eine vage Person, zergrübelt und unentschlossen, was seinen beiden Freunden manchmal ziemlich auf die Nerven geht.
"Finklerisch breitete Finkler die Arme aus. Unendliche Geduld, doch bald erschöpft, sollte diese Geste besagen. Finkler erinnerte Treslove an Gott, wenn er das tat. Gott auf einem Berggipfel, der an seinem Volk verzweifelt. Darum beneidete ihn Treslove. Das hatte Gott den Finklern als Zeichen seines Bundes mit ihnen hinterlassen - die Fähigkeit, wie Er mit den Achseln zu zucken und die Arme auszubreiten. Etwas, das ihm, Treslove, als Nicht-Finkler, abging." Treslove möchte nichts lieber als ein "Finkler" sein: Codewort für jenes selbstkritische und doch selbstbewusste Judentum, für das sein Freund steht. Und nun gesteht dieser Treslove jenem Finkler, er sei abends auf dem Heimweg angegriffen und ausgeraubt worden - und zwar von einer Frau! ",Was sie auch gesagt hat, oder deiner Meinung nach gesagt haben könnte, Julian - spuck es aus. Also spuckte er es aus. ,Du Jud. Sie hat ,du Jud gesagt." Finkler merkt schnell, worum es Treslove geht: chronisch neidisch, chronisch unerfüllt, versucht er nun auf diesem grotesken Wege, ein "verfolgter Jude" zu werden.
"The Finkler Question" sei auf der Liste der Gewinner der erste durch und durch komische Roman, hiess es, nachdem er 2010 mit dem begehrten Man Booker Prize ausgezeichnet worden war. Dies ist nicht der einzige Rekord des Buches: Bis auf William Golding hat es noch nie einen so bejahrten Booker-Preisträger gegeben wie Howard Jacobson, der den Preis als 68-Jähriger erhielt - nach, wie er zugab, vielen Jahren des Wartens. "Ich hatte mich schon daran gewöhnt, der zu sein, der diesen phantastischen Preis nie bekommt." Er sei es so leid gewesen, immer als der "unterschätzte Autor" beschrieben zu werden.
In seinem Kommentar sagte der Vorsitzende der Jury, "Die Finkler-Frage" sei prämiert worden, "einfach weil es das beste Buch war. Klug, witzig, und auf eine ganz besondere Art auch sehr traurig und melancholisch. Wie ein Lachen im Dunkeln!"
Tatsächlich werden sowohl Lachen als auch Dunkelheit intensiver, je weiter das Buch voranschreitet. Seit Treslove sich auf seiner Suche nach (jüdischer) Selbstdefinition mit Hephzibah, der Großnichte seines Freundes Libor zusammengetan hat, ist er obsessiv mit der Frage beschäftigt, wie weit er gehen muss, um endlich teilzuhaben am jüdischen Kosmos. Soll er sich beschneiden lassen? Oder doch lieber jenem kahlrasierten jüdischen Blogger glauben, der sich durch seine Beschneidung "verstümmelt" fühlt, und sie vor täglich laufender Kamera rückgängig zu machen versucht?
Ob Treslove allerdings irrsinniger ist als sein Sohn, der Finkler einmal fragt, was es eigentlich mit dem "ganzen Judenschiet" auf sich habe, Konzentrationslager? Egal wo, ob in Deutschland, oder in Israel, das sei ja alles Lüge. Finkler selbst ist ein "ASCHandjiddn", ein Jude, der die auf ein Opfergefühl gegründete jüdische Identität "a Schand" findet, und sich nun damit auseinandersetzen muss, dass sein Sohn zusammengeschlagen wird, weil er orthodoxen Juden vorgeworfen hatte, "ein Land gestohlen zu haben, das ihnen nicht gehört, für Apartheid verantwortlich zu sein..."
Weit wird der Fächer dessen aufgemacht, was Jüdischsein heißt, oder nicht heißt. "Es war das Passwort für den Wahnsinn. Jude. Ein kleines Wort ohne ein Versteck für die Vernunft. Sag ,Jude, und es war, als würfe man eine Bombe."
Howard Jacobson hat ein Buch geschrieben, in dem Geistreichtum, Witz und Trauer als unterschiedlich schimmernde Seiten ein und derselben Sache erscheinen. Einer Sache namens Leben? Ist es nicht das, was Treslove im Judentum zu erkennen meint? Verdichtetes, hochintensives, gefährliches, gefährdetes Leben, in seiner schrecklichen Bandbreite von Komik bis Katastrophe? Libor sagt es ihm auf den Kopf zu: "Wir erzählen gute Schöpfungsgeschichten, Apokalypsen können wir aber noch besser. Wir sind am Beginn und am Ende von allem, und jeder will dabei sein. Wer uns nicht mit Mistgabeln in die Flammen treiben kann, möchte schreiend mit uns untergehen."