
In der jüngeren Literatur gibt es ein auffallendes Interesse an der Zeit des Ersten Weltkriegs, ein Wiederentdecken der ersten großen Katastrophe des 20. Jahrhunderts. Vielleicht hat es diesen gewissen Abstand gebraucht, bis jetzt, da die letzten Zeitzeugen nach und nach sterben und der Zweite Weltkrieg, der alles überdeckt hat, bis in die letzte Kleinigkeit hinein - und sei es Hitlers Hund - erforscht scheint. Vielleicht erschreibt sich nun eine Generation von jüngeren Schriftstellern ein Geschichtsbild der Großväterzeit, das nicht durch den Nationalsozialismus oder die 68er-Generation vorgeprägt ist.
Jüngstes Beispiel für diese Renaissance ist Christoph Poschenrieder, der nach seinem Debüt "Die Welt ist im Kopf" mit "Der Spiegelkasten" erneut einen historisch versierten und philosophisch geprägten Roman vorlegt. Poschenrieder interessiert sich seit seiner Kindheit für den Ersten Weltkrieg; sein Großonkel Ludwig Rechenmacher hinterließ ein Album mit Fotos aus seiner Zeit als Soldat.
Poschenrieder konstruiert seinen Roman geschickt als Doppelerzählung: einerseits gibt es einen namenlosen Ich-Erzähler in der Jetztzeit, andererseits werden Biografie und vor allem Kriegserfahrungen des schlesischen Juden Ismar Manneberg beschrieben, der bis zu seiner Gefangennahme 1917 als Offizier in einem bayerischen Infanterieregiment den Grabenkrieg an der Westfront erlebt. Gerade diese Doppelkons-truktion verankert den historischen Teil authentisch in der Jetztzeit und macht den Roman aktuell.
Der Ich-Erzähler, der als Media-Analyst Zeitungen durchforstet, ist ein Eigenbrötler, der wie ein Fremder in seiner Zeit lebt und klassischerweise durch ein Fotoalbum aus der Kriegszeit anfängt, sich für den Ersten Weltkrieg zu interessieren - und das mehr, als ihm gut tut. Klassisch deshalb, weil es sich bei Manneberg um den Großonkel des Erzählers handelt, dessen Spuren und Erfahrungen rekonstruiert werden.
Rekonstruiert, da Poschenrieders detaillierte Erzählung vom Kriegsalltag wie der historische Bericht eines Erzählers, der dabei war, wirkt - samt Dialogen, Gefühlen, Wahrnehmungen, Begegnungen. Erst nach und nach erhellt sich, wie der Ich-Erzähler durch bloße Anschauung von alten Fotographien an diese Fülle an Details gelangt.
Geschickt verknotet Poschenrieder die beiden Erzählstränge zu einem Versuch der "Welt als Vorstellung" - wenn man so will: der Welt als Erinnerungsarbeit. Der in München lebende Autor erzählt vom Grauen des Krieges, den Leichen und sinnlosen Opfern - auch Manneberg empfindet sich zuletzt als fremd, als "seelenblind" -, aber auch von geheimnisvollen Freundschaften (etwa zu Mannebergs "Schutzengel" Ludwig Rechenmacher) und eben vom titelgebenden Spiegelkasten, den der Arzt Karamchand zur psychischen Heilung von Bein- oder Armamputierten erfindet.
Gerade in der Schilderung von Mannebergs Schicksal - dessen Biografie sowie einige andere Hintergründe übrigens historisch authentisch sind - erinnert Poschenrieders Erzählweise stark an diverse literarische Vorbilder, etwa an Joseph Roth; es wimmelt von seltsamen Figuren - und oft scheint es, als wüssten manche mehr als andere. An dieser Stelle wird der Roman leicht magisch.
Poschenrieder verliert sich aber nicht im Phantastischen, sondern zieht durch die Parallelen der Biografien erstaunliche Schlüsse, verbindet die "Seelenblindheit" etwa mit dem Phänomen der Derealisation und der Depersonalisation. Eindrücklich sind auch die Hinweise auf die Situa- tion der Juden vor dem Ersten Weltkrieg, die Poschenrieder immer wieder anklingen lässt. Manneberg etwa erhofft sich durch seinen Einsatz fürs Vaterland endgültig eine gewisse gesellschaftliche Anerkennung, bis er einsehen muss, dass der Erste Weltkrieg nur ein Vorläufer des nächsten ist.
Poschenrieder gelingt es, sein Wissen ohne erhobenen Zeigefinger in die Erzählung einzubringen; insgesamt liest sich "Der Spiegelkasten" durch seine vielschichtigen Themen, die leichtfüßig und stilistisch angemessen dargestellt werden, spannend und bisweilen sogar unterhaltsam.