Sie waren Christen - und wurden von Rom als Ketzer verfolgt: die Katharer des mittelalterlichen Südfrankreich, das nach seiner eigenen Sprache, der "langue doc", auch Okzitanien genannt wird.
Heerscharen von Wissenschaftern haben die Geschichte der okzitanischen Katharer, somit auch der Kreuzzüge und der Inquisition, erforscht. Sensibilisiert von zwei Größen des Fachs, Jean Duvernoy und René Nelli, verschrieb sich auch Michel Roquebert dieser Materie. Der aus Bordeaux stammende Philosophieprofessor, Journalist und Historiker verfasste eine fünfteilige, preisgekrönte "Épopée cathare" (Katharer-Epos), deren erfolgreiche Kompaktversion, "Histoire des Cathares", nun auf Deutsch vorliegt.
"Die Geschichte der Katharer" präsentiert die spirituellen, soziokulturellen und politischen Dimensionen des Katharer-Dramas auf anschauliche Weise - und entwirrt die Terminologie. Die 1209-1229 geführten Kriege gegen die Häretiker gingen als "Albigenserkreuzzüge" in die Geschichte ein; mit "Albigenser" wurden sowohl die Bewohnern von Albi (mit Toulouse, Carcassonne und Foix das "Epizentrum des okzitanischen Katharismus"), als auch die Ketzer bezeichnet. Den Begriff "Katharer" wiederum ersann ein rheinischer Mönch - keineswegs in Ableitung vom griechischen katharos (rein), sondern vom lateinischen catus (Kater) - um die Häretiker als ordinäre Teufelsanbeter zu diffamieren.
Die Katharer selbst nannten ihre einfachen Gläubigen "gute Männer/Frauen" oder "gute Christen", ihre strenggläubigen Mitglieder "Freunde Gottes". Letztere führten nach Empfang des "Consolament" ein asketisch-vegetarisches, aber nicht weltfernes Leben. Der Nachwelt sind sie als "Perfecti" bekannt - ein Vokabel der Inquisition. Die zur Arbeit verpflichteten Perfecti waren Handwerker; ihre Werkstättenhäuser fungierten als Basiszellen der antiklerikalen Glaubensgemeinschaft. Sie verweigerten jeden Eid und starben eher auf dem Scheiterhaufen, als ihrem Glauben abzuschwören.
Der König und der Papst im Ringen um die Macht
All das erschließt sich wesentlich aus der offiziellen katholischen Kreuzzugschronik, aus päpstlichen Bullen oder den Protokollen der Inquisition. Nur drei liturgische Bücher und zwei theologische Traktate sind als authentisch "katharisch" überliefert. Die poetische Quelle, die "Canso de la Crozada", stammt von Wilhelm von Tudela und einem Anonymus.
Was machte diese Christen zu Ketzern? Ihr diskursiver Dualismus. Dieser bejaht neben dem guten Gott ein böses Schöpfungsprinzip. Die Orthodoxie wittert eine Rückkehr ins Heidentum und ruft zum Kampf. Doch die okzitanischen Grundherren sind tolerant, oft selbst Katharer, und liefern ihre Untertanen nicht aus. Die lokale Geistlichkeit glänzt durch Apathie. Und der französische König reagiert auf die Kreuzzugsappelle von Papst Innozenz III. lange gar nicht. Erst der Mord an einem Legaten setzt Nordfrankreichs Kreuzritter in Bewegung. Nach der Losung "Tötet sie alle, Gott wird die Seinen erkennen" massakrierten sie die Bürger von Béziers und weiteren Orten, verwüsteten das Land.
Roquebert legt die Dynamik der Ketzerverfolgung schlüssig dar: Aus einer Art Polizeiaktion des Heiligen Stuhls wird erst ein Heiliger Krieg, dann ein Eroberungsfeldzug mit internationaler Dimension. Die Ketzer finden letzte Zuflucht in Trutzburgen. Oberlehensherren werden ausgetauscht, französische Adelige gewaltsam angesiedelt, die Grafschaften letztlich von der französischen Krone annektiert.
Anhand differenzierter Porträts der Hauptproponenten und des endlosen "Karussells" von Befehlen und Gegenbefehlen verdeutlicht der Autor das Machtringen zwischen König und Papst, den Widerstreit zwischen kanonischem Recht und Feudalrecht. Im 14. Jahrhundert sind Okzitaniens Katharer ausgemerzt. Roquebert hat ihre Geschichte "von jeder falschen Aura des Exotischen und Esoterischen" befreit.