
Die Erfahrungen als Kinderpsychiater hat Paulus Hochgatterer nicht nur als Autor von Erzählungen und Romanen genutzt, sondern sie auch generell in Bezug zur Literatur gesetzt. Davon zeugen die im Herbst 2010 gehaltenen Zürcher Poetikvorlesungen des gebürtigen Amstettners, die den Kern seiner neuesten Publikation, den Band "Katzen, Körper, Krieg der Knöpfe", ausmachen. Darin zu finden sind mehrere Argumente für die Notwendigkeit, über Kinder zu schreiben. Hochgatterer formuliert neun poetologische Grundfiguren, die Kind und Sprache in Verbindung setzen. Die Klammer, die der Autor setzt, ist gerade deshalb kindheitsspezifisch, weil sie eines veranschaulicht: das Bedürfnis, zum Erzählen zu kommen. Thematisiert wird auch das Tabu, über das Sterben des Kindes zu reden, das ein noch größeres Tabu zu sein scheint als der Tod des Menschen allgemein.
Der Autor schildert etwa die Ambivalenz der Geburt, die von allen zu Zeugen gewordenen Erwachsenen als Ereignis in Erinnerung bewahrt bleibt, während die treibende Kraft dieses Ereignisses, der neu Geborene, ein Leben lang vergeblich eine bewusste Brücke zu seinem Eintritt ins Leben sucht. Die Notwendigkeit, über Kinder zu schreiben, steckt nicht nur, aber eben auch in diesem Mangel an Bewusstsein über die ersten Lebensjahre.
Ein Kind ist da, ein Kind spricht, ein Kind erzählt - so lauten die ersten drei Stufen von Hochgatterers Poetologie des Kindseins. Man könnte behaupten, dass die Literatur im engeren Sinn erst mit seiner vierten poetologischen Grundfigur beginnt: Ein Kind schreit. Im Schrei selbst wird etwas Körperliches deutlich.
"Der Körper erzeugt in uns einerseits kontinuierlich das Empfinden von Identität, andererseits kommuniziert er - genauso kontinuierlich - als ein anderer mit uns. Es ist Innen und Außen; er ist die Lampe, die den Film unseres Lebens erhellt, und jener Darsteller, der auf höchst penetrante Weise in möglichst jeder Szene vorkommen möchte", heißt es anschaulich. Ein Gedanke, der eine Fortführung von Lacans bekannter "Spiegelthese" darstellt. Lacan und Freud sind für Hochgatterer natürlich schon aufgrund seiner Ausbildung Bezugssysteme. Dieses Zum-Körper-Kommen ist für das Kind ein grundsätzlich anderes, wie Hochgatterer zeigt, als für den erwachsenen Menschen, der - so problematisch oder verstörend seine Beziehung zum eigenen Körper auch sein mag - diesen schon lange genug kennen gelernt hat.
Das Pendant zum Schreien ist das Verstummen. Verstummen als Haltung zur Welt, die letztlich doch keine Spielfläche bietet. Der letzte Akt des Verstummens ist schließlich der Tod. Zu diesen Formen beschreibt Hochgatterer das Lesen, Zuhören und Spielen als Varianten der aktiven Weltbegegnung. Der Gestus der Vorlesungen ist durch Anekdoten und Exkurse aufgelockert und liefert ein stimmiges, anregendes Bild über den "Krieg der Knöpfe". Das ist im Übrigen der Titel eines französischen Films von Yves Robert aus dem Jahr 1962, auf den Hochgatterer wiederholt Bezug nimmt.
Zu den Poetikvorlesungen sind in dem Band Reden und Aufsätze versammelt. Solche Sammlungen sind gerade deshalb wertvoll, weil sie der Flüchtigkeit des Vortrags das letztlich bescheidene, aber offenbar unvermindert wirksame Ewigkeitsgelübde entgegensetzen, das mit der Publikation eines Buches verbunden ist.
Einem klaren Vorwurf muss sich das Werk jedoch stellen: gerade die Wiederholung von Inhalten tut der Sache nichts Gutes. Die zweifelsfrei interessante Interpretation der Metaphorik, die Hochgatterer leistet, findet sich wiederholt in abgewandelter Form. Hier etwas wegzulassen, hätte ein Mehr an Stringenz und Zugkraft bedeutet und den etwas schalen Beigeschmack von Resteverwertung vermieden. Die Erstfassung von "ursprünglicher Versuch über den Krieg der Knöpfe" etwa wäre in einer textkritischen Reihe viel besser aufgehoben als in einem Buch, das sich nicht primär an nichtwissenschaftliche Leserinnen und Leser richtet.