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Update: 20.07.2014, 12:00 Uhr
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Literatur

Verhulst, Dimitri: Der Bibliothekar, der lieber dement war als zu Hause bei seiner Frau


Von Heimo Mürzl
  • Dimitri Verhulsts bittere Satire über den Pflege-Alltag.

Es gibt Dinge, über die man keine Witze macht. Demente Menschen sind auch kein bevorzugtes Romanpersonal, es sei denn, der belgische Autor Dimitri Verhulst nimmt sie ins literarische Visier. Verhulst versteht sein Fach, und wenn er schreibt, so tut er das mit Witz, Verve und wohldosiertem Zynismus. Mit seinem aktuellen Roman, "Der Bibliothekar, der lieber dement war als zu Hause bei seiner Frau", präsentiert er ein Werk, das die Enttabuisierung der Krankheit Demenz mit der Kritik an der Wirklichkeit moderner Pflegeheime verknüpft und so einen aufrüttelnden Anstoß für die Auseinandersetzung mit Leben und Sterben bietet.

Desiré Cordier war zeitlebens akribischer Bibliothekar und sieht sich nun mit vierundsiebzig Jahren im Herbst seines Lebens angekommen. Seine Lebensqualität leidet im Ruhestand dramatisch unter der bevormundenden Art seiner Ehefrau Monique, und er hält die Gleichgültigkeit für das passende Mittel, um ihrem Treiben beizukommen: "Ich reagiere schon lange nicht mehr auf die endlosen Tiraden meiner Frau, einer von vielen, möglicherweise Millionen schweigender Männer, die sich gegen die Launen ihrer Gattin mit einem Panzer aus Gleichgültigkeit wappnen."

Als der Umzug in eine kleinere Wohnung zu einer Verschärfung der Lebensumstände führt - ohne realistische Rückzugsmöglichkeiten - entwirft Desiré einen ausgeklügelten Plan: er tritt die Flucht in eine vorgetäuschte Demenz an. Seine überzeugende Vorstellung reicht von unglaublicher Vergesslichkeit über nicht mehr kontrollierbare Körperfunktionen bis hin zu skurril-peinlichen Einkaufstouren. So vergisst er in einer Boutique zu zahlen und wird zu seiner Freude und zum Ärger seiner Frau von der Polizei nach Hause eskortiert. Schließlich besteht Desiré auch die größte Prüfung - den Alzheimer-Test - mit Bravour und darf sich auf eine Zukunft im Pflegeheim freuen.

Das Haus "Winterlicht", ein typisches geriatrisches Pflegeheim des 21. Jahrhunderts, wird für Desiré aber nicht zum erträumten Ort der Freiheit und Glückseligkeit, sondern zur Pflegehölle, aus der es kein Entkommen gibt. Desiré erlebt, nein erleidet Pflegealltag und Trostlosigkeit im Sanatorium am eigenen Leib: wie die alten und dementen Menschen nur noch ein "Sack Knochen" sind, niemand wirklich Zeit für sie hat und ihnen jede Lebensfreude und Selbstständigkeit genommen wird.

Verhulst gelingt eine Mischung aus zynisch-bitterer Satire und bewegender Anklage. Er beschreibt eine Wohlfahrtsgesellschaft ohne Empathie, einen nach Grundsätzen der Funktionalität und Finanzierbarkeit bestimmten Umgang mit Kranken und ein bemühtes, aber letztlich machtloses Pflegepersonal. - Ein trotz der ernsten Thematik vergnüglich zu lesendes, aufrüttelnd-aufrichtiges Buch. Auch aufgrund der Erkenntnis, dass es zwar ein Flüchten, aber kein wirkliches Entkommen gibt.

Dimitri Verhulst: Der Bibliothekar, der lieber dement war als zu Hause bei seiner Frau. Roman. Aus dem Niederländischen von Rainer Kersten. Luchterhand, München 2014, 144 Seiten, 13,40 Euro.




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