• vom 04.09.2014, 19:05 Uhr

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Update: 06.09.2014, 11:00 Uhr
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Literatur

Vann, David: Goat Mountain


Von Andreas Wirthensohn
  • Der in Alaska geborene Schriftsteller David Vann literarisiert ein weiteres Kapitel seiner von Gewalt geprägten Familiengeschichte - die quälende "Mannwerdung" durch den archaischen Jagdritus.

US-Autor David Vann.

US-Autor David Vann.© Esby/Wikimedia GNU Free Documentation License US-Autor David Vann.© Esby/Wikimedia GNU Free Documentation License

Dass Amerika ein Land der Waffen ist, ist nun wahrlich nichts Neues. Schon Kinder dürfen sich bekanntlich darin üben, den Abzug zu drücken und sich als Herren über Leben und Tod zu fühlen. David Vann, 1966 in Alaska zur Welt gekommen, wurde ebenfalls schon in jungen Jahren zur Jagd mitgenommen. Mit elf Jahren habe er bereits zwei Hirsche erlegt gehabt, erzählte er jüngst bei einem Zwischenstopp in Berlin, und eines Tages auf der Jagd habe sein Vater ihn durch das Zielfernrohr des Gewehrs einen Wilderer beobachten lassen. Dabei "packte mich ein Schwindel, so als stünde ich am Rand einer Klippe, und etwas in mir, irgendetwas, von dem ich damals nicht wusste, dass es in mir ist, wollte abdrücken".

Er hat es nicht getan, ist stattdessen später zur See gefahren und schließlich Schriftsteller geworden - nicht zuletzt deshalb, um seine von Selbstmorden und Gewalt geprägte Familiengeschichte literarisch zu verarbeiten, um im Bereich des Fiktionalen Geschehensverläufe auszuprobieren, die der erlebten Realität den Stachel nehmen sollten (zur Not um den Preis des bis ins Extrem zugespitzten Schmerzes).

Dunkler Instinkt
Auch Vanns vierter Roman präsentiert uns eine Möglichkeitswelt, in der bis zum bitteren Ende durchgespielt wird, was in der Wirklichkeit unterblieb. So erinnert sich ein namenloser Ich-Erzähler rückblickend an ein Jagderlebnis, das ihn mit elf Jahren zum Mann machen sollte, freilich auf ganz andere Weise, als beabsichtigt. Denn der Elfjährige, der zusammen mit seinem Vater, seinem Großvater und einem engen Freund der Familie im familiären Jagdrevier in den Bergen Kaliforniens unterwegs ist, nimmt mit seiner .300 Magnum als Erstes einen Wilderer ins Visier - und drückt ab. Noch vor dem ersten Hirsch hat er einen Menschen erlegt und setzt damit einen Prozess in Gang, der mit noch mehr Blutvergießen endet. "Unsere Geschichte steckte irgendwo in all dem, was wir getötet hatten, und es war gewiss eine Geschichte ohne Worte, eine Geschichte, die sich nur in Gestalt ihrer unmittelbaren Folgen erzählen ließ."

Der Tote wird zunächst in einen Sack gesteckt und aufgehängt, der Großvater würde den Enkel am liebsten "auf der Stelle töten und in diesem Lagerfeuer verbrennen", der Vater will, dass niemand von der Sache erfährt, während Freund Tom ständig verkündet, er werde das Ganze der Polizei melden. Nur den Jungen lässt seine Tat seltsam kalt. Was es heißt, ein Lebewesen zu töten, wird ihm erst klar, als er kurz darauf einen Hirsch erlegt. Da er ihn nicht richtig getroffen hat, dauert der Todeskampf des Tieres eine gefühlte Ewigkeit, bis es dem Jungen endlich unter Aufbietung aller Kräfte gelingt, dem waidwunden Tier die Kehle durchzuschneiden. Anschließend muss er es noch ausweiden, von der Leber und dem Herz essen, dann ist es vollbracht: "Ich ließ das Herz fallen und wegrollen, und ich kaute, bis ich schlucken konnte, und ich spürte, dass mein Leben begonnen hatte. Elf Jahre alt und jetzt ein Mann, vorne voller Blut. Die Sonne untergegangen und die Schatten dunkler und die Nacht eine große Umarmung, die alles verband."

Diese quälend lange "Mannwerdung" gehört zu den eindrücklichsten Passagen dieses Buches, das nicht ganz an die Klasse der drei vorangegangenen Roman heranreicht. Vann erklärt ein wenig zu viel, bemüht etwas zu oft die Bibel und findet eine seltsam abgehackte Sprache, die nicht ganz schlüssig wirkt.

Grausamer Gott
Dennoch kann man sich als Leser der verstörenden Intensität der Darstellung nicht entziehen, diesem archaischen Ritus der Mannwerdung qua Töten. Tröstliches hat Vann wie immer nicht zu bieten: "Man kann seine Natur nicht aufheben, und wer an Moral glaubt, ist stets hilflos im Angesicht unseres Soseins." Seit Kain seinen Bruder Abel erschlug, ist die Familie ein Hort der Gewalt, das Töten macht selbst vor den nächsten Angehörigen nicht Halt, wie am Ende auch der Erzähler hautnah erleben muss.

Der Gott in Vanns literarischem Kosmos ist ein grausamer, und besonders hoch anrechnen muss man diesem Autor, dass die Gewalt, das Schreckliche und das Töten bei ihm zwar mit fürchterlicher Zwangsläufigkeit geschehen, aber nie auch nur ansatzweise verklärt oder mystifiziert werden. Es geschieht - und wir stehen fassungslos daneben, ohne Erklärung und damit im wahrsten Sinne des Wortes trostlos.

David Vann: Goat Mountain. Roman. Aus dem amerikanischen Englisch von Miriam Mandelkow. Suhrkamp, Berlin 2014, 271 Seiten, 23,60 Euro.




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