
Der Vormarsch des Islamismus sei bloß eine aufgeregte Mobilisierung. Es handle sich nur um das verzweifelte Anstreichen eines Hauses, das kurz davor stehe, in sich zusammenzufallen. Aber ein solcher Zusammenbruch bleibe auch für das Umfeld gefährlich, nicht nur für seine Bewohner. Während sich im Westen ein Gegenpol zum Materialismus und Konsumverhalten im kulturellen Repertoire der Aufklärung und des Humanismus finde, mangle es dem gelebten Islam an einem eigenen gesunden Verteidigungsmechanismus gegen den Konsum, ohne ihn kategorisch auszuschließen und zu verdammen, schließt der Autor hellsichtig.
Als Häretiker kritisiert
Konsum ohne Kant führe zu Verwirrung, so Abdel-Samad. Indem die Mehrheit der Menschen in der islamischen Welt die Instrumente und Produkte der Moderne verschlinge, sich dem dahinter stehenden Gedankengut aber nach wie vor verschließe, existiere sie in einem Zustand der Schizophrenie, der letztlich in Fanatismus oder/und kulturelle Verwahrlosung münde. Die arabisch-islamische Welt habe den Zug der Moderne verpasst, und ihr bleibe nichts anderes übrig, als auf dem Gleis zu stehen und auf den Lokführer zu fluchen - und das sei der Westen, stellt der Autor etwas provokant fest.
Abdel-Samad wird von vielen deshalb als Häretiker heftig kritisiert. Er selbst sieht sich als Häretiker im positiven Sinne und will aufklären und versöhnen. Prädikat lesenswert.
Hamed Abdel-Samad: Der Untergang der islamischen Welt. Eine Prognose.
Droemer Verlag, 240 Seiten, 18,50 Euro.