Die ersten Sätze in diesem erstaunlichen Buch geben den Rhythmus vor: "Am 13. Oktober 1991 brachten meine Großeltern sich um. Es war ein Sonntag. Eigentlich nicht der ideale Wochentag für Selbstmorde." Die Journalistin Johanna Adorján rekonstruiert in ihrem ersten Buch den Selbstmord ihrer Großeltern. Dabei geht sie vor, wie Journalisten vorzugehen pflegen: sie recherchiert, begibt sich an Originalschauplätze und spricht mit Zeitzeugen. Sie befragt aber auch immer wieder sich selbst. Es ist eine Spurensuche, die in eine zarte Familiengeschichte mündet.
Adorjáns Großeltern waren ungarische Juden, die den Holocaust überleb hatten und während des Budapester Aufstandes nach Dänemark emigrierten. Die beiden sind ein erstaunliches Paar, der Enkelin erscheinen sie wie alternde Filmstars: exzentrisch, eigen und besonders. Sie sind weltgewandt, lieben klassische Musik und rauchen pausenlos.
Sie hatten sich 1940 bei einem Hauskonzert in Budapest kennen und lieben gelernt. Es folgte einer jener raren und kurios symbiotischen Lieben, die nicht einmal der Tod zu entzweien vermag. Unweigerlich denkt man angesichts dieser überaus berührenden Geschichte an den französischen Sozialphilosophen André Gorz und seine Frau Dorine. Auch diese exklusiv Liebenden nahmen sich gemeinsam das Leben.
"Wir haben zusammen gelebt, wir sterben zusammen", schrieb Adorjáns Großmutter zum Abschied auf einen simplen Post-it-Zettel. Adorján erinnert sich an die beiden, erzählt ihr Leben in groben Zügen nach und versucht zu imaginieren, was an diesem Sonntag im Herbst des Jahres 1991 wirklich geschah. Ein Versuch, all die vielen offenen Fra-gen zu beantworten, die sich nicht mehr beantworten lassen.
Ein So-könnte-es-gewesen-Sein umspielt ihre Recherche. Und das Buch zeichnet aus, was auch die Journalistin Adorján auszeichnet: zuallererst ein ganz eigener Ton, der nüchterne Genauigkeit mit ironischem Witz verbindet. Und eine Sprache, die so eigentümlich ist, wie es wohl auch ihre Großeltern waren.
Adorján erzählt auf mehreren Zeitebenen; sie unterbricht die Rekonstruktion des Selbstmordes mit Erinnerungen, Reflexionen und den Gesprächen mit Menschen, die ihre Großeltern kannten. Einmal schreibt sie, sie habe lange um die richtige Form gerungen, um das zu erzählen, was sie erzählen wollte. Gewiss hat sie auch den zeitlichen Abstand gebraucht, um sich dem Thema zuzuwenden. Ihre Spurensuche führt sie immer wieder zu sich selbst, zu ihrer eigenen, jüdischen Identität, von der sie gar nicht sicher weiß, was sie ist. Die Autorin gibt viel von sich und ihrer Familie preis, doch ohne je indiskret zu sein. Ein umwerfendes Buch.
Johanna Adorján: Eine exklusive Liebe. Luchterhand Verlag, München 2009, 184 Seiten, 18,50 Euro.