Gewiss, diese Idee ist nicht neu: Totengräber eignen sich schon von Berufs wegen gut als kriminalistische Ermittler. Sie pflegen Umgang mit Leichen, manchmal sogar mit einem corpus delicti , und wenn derjenige, den es zu begraben gilt, ein vor der Zeit verstorbener Bekannter war, wird die Ursachenforschung natürlich zur Ehrensache. Solcherart kommt auch Max Broll, Totengräber in einem österreichischen Dorf, zu seinem ersten Fall.
Emma, seine erste große Liebe, meldet sich unerwartet, berichtet vom Tod ihrer Schwester Marga - sie sei von einem Wiener Hausdach gestürzt (worden?) - und nun soll sie im Dorf zur letzten Ruhe gebettet werden. Das allein bringt einen wie Max Broll freilich noch nicht aus der Ruhe. Der Mann hat es sich, nach einem abgebrochenen Publizistik-Studium zurück im heimatlichen Dorf, ganz gut eingerichtet: Sein Liebesleben ist intakt, der Freundeskreis stimmt, der Job ist sicher, und er hat eine eigene Sauna vor dem Haus. Als jedoch Margas Leiche aus dem frischen Grab gestohlen wird, gerät die Idylle ins Wanken - und Max Broll in Rage.
"Die Schöne und der Tod" ist Bernhard Aichners erster Krimi, über das "Handwerk" verfügt der 1972 geborene Schriftsteller aus Innsbruck indes schon länger. Zum einen bewies Aichner mit den Romanen "Nur Blau" (2006) und "Schnee kommt" (2009) sein Gespür für menschliche Abgründe, zum andern weiß er als erfolgreicher Dramatiker ganz genau, wie Dialoge lebendig und eben auch pfiffig zu gestalten sind. Daraus resultiert nun ein waschechter Krimi, der ganz ohne venezianischen Kitsch auskommt und auch nicht auf die Hilfe amerikanischer High-tech-Laboratorien angewiesen ist. Keine Superwaffen, keine Superagenten: Aichners erster Fall ist schlicht und einfach in den österreichischen Alltag eingebettet. Broll ist echt, spricht unverblümt, braust zuweilen auf und betrinkt sich auch zwischendurch. Das weckt Erinnerungen an den bärbeißigen Kommissar Bärlach, an die großartigen Kriminalromane Dürrenmatts!
Denn bricht sich Grausamkeit in der Normalität Bahn, wirkt das nicht nur authentisch, sondern tatsächlich grausam. Und ist spannend. Auch weil der erste Mord auf sich warten lässt, dieser dann aber ausgerechnet an Brolls jungem Gehilfen Dennis verübt wird. Vollends überschlagen sich die Ereignisse, als sich der Totengräber mit seinem besten Freund Baroni, einem erfolgreichen Ex-Fußballer, in einer Wiener Spielhölle wiederfindet und von den Drogengeschäften des Schweinebauers Horak erfährt. Wie Margas Tod aber mit jenem von Dennis zusammenhängt, und warum sich in Broll, der um ein Haar bei lebendigem Leib begraben wird, allmählich die Vergangenheit zusammenballt, ist ein Lesevergnügen für sich, welches hier - auch der vielen, geschickt gelegten falschen Fährten wegen - niemandem verdorben werden soll.
Soviel sei aber gesagt: Auch die Zukunft ist in diesem Krimi bereits angelegt. Aichner hat seine Figuren mit Bedacht gewählt, ein Beziehungsgeflecht - inklusive Pfarrer und Stiefmutter - in einem Dorf geschaffen, das Potenzial für so manche Fortsetzung birgt. Zudem sind Broll wie Aichner noch jung, und das ist gut so: Vermutlich wird keiner von beiden so schnell pensioniert werden.
Bernhard Aichner: Die Schöne und der Tod. Krimi. Haymon, Innsbruck 2010, 249 Seiten, 9,95 Euro.