• vom 01.04.2013, 16:11 Uhr

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Update: 01.04.2013, 16:27 Uhr
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Prag

Albright, Madeleine: Winter in Prag


Von Wolfgang Taus

Madeleine Albright beim Begräbnis von Vaclav Havel 2011 in Prag. - © epa/Josek

Madeleine Albright beim Begräbnis von Vaclav Havel 2011 in Prag. © epa/Josek

Madeleine Albright beim Begräbnis von Vaclav Havel 2011 in Prag.

Madeleine Albright beim Begräbnis von Vaclav Havel 2011 in Prag.© epa/Josek Madeleine Albright beim Begräbnis von Vaclav Havel 2011 in Prag.© epa/Josek

"Ich bin überzeugt, dass wir die Wahrheit erkennen, wenn wir niemals in unseren Bemühungen, Neues zu lernen, nachlassen (...) Nicht das, was wir finden, sondern der Grund, weshalb wir nicht aufhören können, zu suchen und zu streben, sagt uns, warum wir hier sind."

Information

Madeleine Albright: Winter in Prag - Erinnerungen an meine Kindheit im Krieg, Siedler Verlag, 542 Seiten, 25,70 Euro

Die frühere US-Außenministerin - unter Präsident Bill Clinton - Madeleine Albright geht in diesem berührenden Buch auf familiäre Spurensuche über ihre frühe Kindheit in Prag. Sie hatte lange Zeit keine Ahnung von ihrer jüdischen Herkunft und dass über zwanzig Verwandte von ihr den Holocaust nicht überlebt hatten. Bis sie im Dezember 1996 der Brief einer damals 75-jährigen Frau erreichte, worin stand, dass ihre Großeltern mütterlicherseits im Krieg der Judenverfolgung zum Opfer gefallen wären.

Das war ein Schock für die stets tatkräftig - unter anderem bei den Vereinten Nationen - in Erscheinung getretene US-Spitzendiplomatin. 1937 geboren als Madlenka Korbelova in Prag, ist sie die Tochter eines tschechischen Diplomaten. Sie wurde schließlich als Katholikin erzogen und hatte, dessen war sie sich sicher - eine slawische Seele.

Über England in die USA
Ende der dreißiger Jahre rückte die Tschechoslowakei in den Mittelpunkt der Weltpolitik. Das Münchner Abkommen des Jahres 1938 vertrieb schließlich ihre Familie aus der angestammten Heimat. Ihr Land war Schauplatz einer langen und mitunter erbitterten Rivalität zwischen Tschechen und Deutschen. In dem dramatischen Höhepunkt dieses Konflikts verlangte Hitler, dass die tschechoslowakische Regierung ihre Souveränität aufgab, indem sie den deutschen Truppen die Grenze öffneten. Da die Tschechoslowakei den damaligen westlichen Großmächten nicht wert erschien, für sie zu kämpfen, wurde das Land dem Streben nach Frieden geopfert, schreibt Albright.

Aber der Krieg kam dennoch - und mit ihm die fast völlige Vernichtung des europäischen Judentums sowie eine Neuordnung der internationalen Politik. Albrights Familie flüchtete nach England und überstand so den Zweiten Weltkrieg, nur um bei der Rückkehr in die Tschechoslowakei nach dem kommunistischen Staatsstreich 1948 und dem Beginn des Kalten Krieges erneut fliehen zu müssen. Diesmal endgültig in die USA, wo sie mit ihrer Familie ein neues Leben begann. "Ich nenne mich auch heute voller Stolz eine Amerikanerin", so Albright, weil es gerade die USA waren, die es ihr ermöglichten, in Freiheit aufzuwachsen.

Die frühere Tschechoslowakische Republik der Zwischenkriegszeit war ihrer Meinung nach ein Musterbeispiel für einen humanen Staat, bis sie von Hitler zerschlagen und dann von Stalins Helfershelfern wiederum vernichtet worden war. 1989 weckte die Samtene Revolution unter der Führung ihres späteren engen Freundes, Vaclav Havel, bei ihr neue Hoffnung. "Mein Leben lang glaubte ich an die Tugenden einer demokratischen Regierung", an die von ihren Eltern tradierten Überzeugungen, was Freiheit, Grundrechte und Rechtsstaatlichkeit angehe, schreibt Albright.

1997 schließlich reiste sie nach Prag - auf den Spuren ihrer scheinbar verloren gegangenen persönlichen familiären Vergangenheit. "Der emotionalste Moment", das war für sie der Besuch der Prager Pinkas-Synagoge, wo unter den 80.000 Namen, die man dort zur Erinnerung an die Opfer der Shoah auf die Wände geschrieben hatte, auch jene ihrer Familienangehörigen standen.

Da wurde ihr klar, erklärt Albright, dass sie noch viel über die komplexen ethischen Entscheidungen lernen musste, die ihre Eltern und andere in ihrer Generation notgedrungen treffen mussten - Entscheidungen, die noch bis heute ihr Leben und das internationale Geschehen prägen würden. "Wir haben eine Pflicht", so schreibt sie, "alles über das Geschehene und über das Warum in Erfahrung zu bringen" - nicht um aus bequemer Position der Rückschau ein Urteil zu fällen, sondern um zu verhindern, dass sich die Tragik jener Geschichte wiederhole.




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