
Sommer, Sonne, ein romantisches Schloss in Italien und eine Gruppe junger Leute, die hier ihre Ferien verbringen. Wer nun glaubt, das sei das perfekte Setting für einen erotischen Reigen - der Klappentext bemüht sich irreführender Weise auch in diese Richtung -, wird enttäuscht.
Dabei schreiben wir das Jahr 1970: Die sexuelle Revolution ist in vollem Gang. Die Mädchen emanzipieren sich und fordern ihren Spaß am Sex. Die Jungs werden von der neuen Selbstsicherheit des anderen Geschlechts ebenso angezogen wie eingeschüchtert. Zum Beispiel Keith Nearing, der Londoner Literaturstudent und Protagonist in Martin Amis nun auf Deutsch erschienenem Roman "Die schwangere Witwe" (The Pregnant Widow, 2010).
Aus seiner Perspektive erleben wir den italienischen Sommer, den Rausch der Farben, die Schönheit der jungen Frauen, allen voran Scheherazade, die Perfektion von Hintern und Brüsten, die Gespräche über Monokinis, übers Ficken und Wer-mit-Wem.
Aber es scheint verflixt. Je mehr über Körperliches und Sex geredet wird, desto weniger passiert diesbezüglich. Das liegt einmal an der Verweigerung des Autors. Denn der Geschlechtsverkehr, so schreibt Amis, habe zwei spezifische Besonderheiten: "Er ist unbeschreiblich. Und er bevölkert die Welt. Es sollte uns daher nicht überraschen, dass alle kaum etwas anderes im Kopf haben."
Letzteres ist vielleicht nicht allgemein gültig, nur in Amis Roman ist es die causa movens schlechthin. Trotzdem läuft es erotisch für die Protagonisten nicht ganz so wie gewünscht. Dafür sind sie noch zu sehr alten Mustern verhaftet. Keith nächtliche Vereinigung mit seiner Freundin Lily ist mehr eine Pflichtübung. Scheherazade verzehrt sich nach ihrem abwesenden Freund. Keith verzehrt sich, wie Adriano, vergebens nach Scheherazade. Und Witthaker bangt ständig um seinen lybischen Geliebten. Da kommt keine Leichtigkeit auf unterm Zikadengezirp, sondern Frustration und Langeweile, woraus der Roman durchaus einiges an Komik zieht.
Leider dehnt Amis den Italienpart, bis es zäh wird. Einige Stilblüten in diesem Teil tragen das Ihre dazu bei. Sie der Naivität und dem hormonellen Überschwang des fast noch jugendlichen Erzählers zuzuschreiben, macht die Sache auch nicht besser. So "schmollen" etwa die Rosen, und Scheherazade "dekantiert sich" die Treppen zum Swimmingpool hinunter.