Nicht nur das Problem, ob es eine spezifisch österreichische Literatur gibt, beschäftigt germanistische Gemüter, sondern auch die Streitfrage, ob sich in all den Jahren der deutschen Teilung eine formal-ästhetische Separation zwischen DDR- und BRD-Literatur herausgebildet hat. Eine neue Anthologie mit rund 500 Gedichten von 180 Autoren aus der DDR unterstreicht jedenfalls die eigenständige Prägung ostdeutscher Literatur in sozialer, ideologischer und ästhetischer Hinsicht. Neben bekannten Namen wie Bert Brecht, Peter Hacks, Peter Huchel, Rainer und Sarah Kirsch, Günter Kunert oder Heiner Müller finden sich auch etliche hierzulande eher unbekannte Dichter, wobei die Herausgeber sowohl regimetreue wie dissidente, dagebliebene und vertriebene Lyriker aufgenommen haben. Breiter Raum wurde solchen Gedichten eingeräumt, die in den zehn Jahren nach dem Mauerfall entstanden und zeigen, wie die vom "real existierenden Sozialismus" geprägten Schriftsteller mit der Wiedervereinigung lyrisch umgingen.
H. L. Arnold & H. Korte (Hrsg.): Lyrik der DDR. S. Fischer Verlag, Frankfurt 2009, 450 Seiten, 25,70 Euro.