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Update: 28.05.2010, 15:04 Uhr
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Sachbuch

Asserate, Asfa-Wossen: Afrika - die 101 wichtigsten Fragen


Von Christian Ortner
  • Autor ist Großneffe des letzten Kaisers von Äthiopien.
  • Ein Buch ohne Sentimentalität, doch mit hoher Sachkunde.
  • Es gibt wahrscheinlich keine andere Weltgegend, von der so viele Menschen so wenig wissen wie Afrika. Für die meisten ist die Gegend südlich von Marrakesch und nördlich von Kapstadt eine Art schwarzes Loch, das hauptsächlich aus Desorganisation, Hunger, Aids, raffgierigen Despoten, gelegentlichen Genoziden und ein paar hundert Millionen potenzieller Migranten nach Europa besteht.

Afrikanische Kinder sind fröhlich, doch die Kindersterblichkeit ist hoch. Foto: epa

Afrikanische Kinder sind fröhlich, doch die Kindersterblichkeit ist hoch. Foto: epa Afrikanische Kinder sind fröhlich, doch die Kindersterblichkeit ist hoch. Foto: epa

Nicht zuletzt deshalb dürfte der Geschäftsmann und Publizist Asfa-Wossen Asserate sein jüngstes Buch "Afrika" in 101 kleine Kapitel aufgeteilt haben, die jeweils eine ihm wichtig, nützlich oder jedenfalls originell erscheinende Frage über Afrika beantworten.

Dazu gehören fundamentale Themen ("Weshalb sind wir alle Afrikaner?","Warum ist Afrika arm?"), historische Basics ("Weshalb wurde Afrika kolonialisiert?", "Was hatte Rommel in Afrika verloren?"), aber auch durchaus Feuilletonistisches ("Liest man Harry Potter auch in Afrika?", "Ist Rastafari ein Gott?").

Dass der Autor seinen Text in solche Happen zerlegt, fördert zwar den Lesefluss nicht gerade, lädt aber dazu ein, immer wieder mal in dem Band zu schmökern und sich eines der leicht zu konsumierenden Kapitelchen zu Gemüte zu führen.

Asfa-Wossen Asserate ist avancierteren deutschsprachigen Lesern kein Unbekannter. Der 1948 als Prinz ins damalige äthiopischen Kaiserhaus Geborene floh nach der Revolution gegen seine Familie 1974 Richtung Deutschland, studierte Jus und Geschichte in Tübingen und verdingte sich schließlich als Pressechef der Messe Düsseldorf, eher er sich als Unternehmensberater selbständig machte. 2003 erschien sein erstes Buch, "Manieren", es wurde ein echter Bestseller, sein Autor ein gefragter Gast in Talkshows des deutschen Sprachraums. Ein wohlverdienter Erfolg, denn "Manieren" ist ein ganz wunderbares Buch. Wer sieben Jahre nach "Manieren" nun "Afrika" in der Hoffnung auf einen Text von vergleichbarer Brillanz erwirbt, wird enttäuscht sein. Denn "Afrika" bedient sich einer kühlen, faktenzentrierten Sprache ohne jegliche Schnörkel und Schlenker; stilistisch fast einem Konversationslexikon ähnlich, damit nur bedingt ein Lesevergnügen, dafür aber höchst konzentrierte Information auf dem knappen Raum von 191 Seiten im Taschenbuch-Format.

Machte "Manieren" jene gute Laune, die sich bei einer kultivierten Konversation und einer Flasche vom guten Roten einstellt, macht "Afrika" einfach klüger.

So erfahren wir etwa, dass die männlichen Angehörigen des Pygmäen-Volkes im südlichen Afrika bis heute nicht größer als 140 Zentimeter werden, Frauen gar nur 1,30 Meter messen und die Kindersterblichkeit bei erschreckenden 40 Prozent liegt, weil die Pygmäen wie vor tausenden Jahren im Regenwald leben. Der Hausbau ist bei Pygmäen übrigens Sache der Frauen.

Muss man dergleichen wissen? Natürlich nicht, aber wenn man Afrika auch nur annäherungsweise kapieren will, genügt es eben nicht, die wesentlichen Parameter der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung zu betrachten.

Eher skeptisch steht Asserate - wie immer mehr auch afrikanische Ökonomen - der herkömmlichen Entwicklungshilfe gegenüber, die für ihn "keine Erfolgsgeschichte" ist. Statt dessen plädiert er für das Ende der "Budgethilfen, mit denen marode Staatshaushalte unterstützt werden". An ihre Stelle sollten "Investitionen in Infrastrukturmaßnahmen und einzelne Projekte treten, die den Bedingungen des jeweiligen Landes angepasst sind und der Bevölkerung zugute kommen. Autoritäre und korrupte Regimes in Afrika sind noch immer eines der größten Hindernisse bei der Durchsetzung einer effektiven Entwicklungshilfe".

Dass den Autor trotz mittlerweile mehr als 35 in Europa verbrachter Jahre noch immer eine gewisse Sehnsucht nach Afrika heimsucht, ist nachvollziehbar. Um so erfreulicher ist der klare, distanzierte Ton seines Textes, der bei aller Sympathie für seinen Gegenstand nie die Contenance verliert, nie weinerlich oder polemisch wird.

Übrigens: Nicht alle afrikanischen Staaten sind so korrupt, wie in Europa meist unterstellt wird. Bots-wana, so lernen wir im Kapitel 76, liegt im Welt-Korruptionsindex von "Transparency International" besser als Griechenland, Italien, Ungarn und die Tschechische Republik. Freilich: "Am anderen - traurigen - Ende der Tabelle finden sich allerdings 26 afrikanische Staaten unter den korruptesten 50 der Welt."

Das Afrika unserer Vorstellung ist eben mehr ein Konstrukt als Realität. Diese kompakt, getreu und leserlich wiederzugeben, ist der wesentliche Nutzen dieses sympathischen Buches eines sympathischen Gentleman-Autors.

Asfa-Wossen Asserate: Afrika - die 101 wichtigsten Fragen. C.H. Beck, Becksche Reihe, 191 Seiten, 15,40 Euro.




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