• vom 03.04.2014, 17:26 Uhr

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Update: 05.04.2014, 11:00 Uhr
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Literatur

Aubry, Gwenaëlle: Niemand


Von Werner Schandor

Als der Vater stirbt, hinterlässt er seinen beiden Töchtern ein Manuskript mit dem Titel "Das melancholische schwarze Schaf": "An die zweihundert sorgfältig mit der Hand geschriebene, durchkorrigierte und mit Anmerkungen versehene Seiten. Auf die blaue Aktenmappe, in der sie stecken, hat mein Vater geschrieben: einen Roman daraus machen."

Die französische Philosophin und Schriftstellerin Gwenaëlle Aubry, 1971 geboren, hält sich an den letzten Wunsch ihres Vaters. In 26 Kapiteln von A wie Antonin Artaud bis Z wie Woody Allens Filmfigur Zelig versucht sie in ihrem Buch "Niemand" (im Original: "Personne"), das Leben ihres Vaters zu umkreisen. Und wenn sie von diesem Leben spricht, dann muss sie auch von etwas sprechen, das sie im Buch seinen Wahnsinn nennt und das ihn, den Rechtsanwalt aus angesehener Familie, der unter anderem an der Sorbonne lehrt, gegen Ende seines Lebens immer öfter in die Psychiatrie führt.

Es sagt schon viel über Aubrys literarische Methode aus, dass sie die trockene psychiatrische Diagnose, die ihrem Vater umgehängt wird, im Buch nie benennt. Handelt es sich um eine bipolare Störung? - Man erfährt es nicht. Stattdessen beschreibt sie die Krankheit des Vaters als das Schicksal einer Person, die sich selbst verloren hat. "Am Ende seines Lebens wollte mein Vater nichts sein. Das heißt, er wollte bloß sein, seine Masken ablegen, seine Kostüme abstreifen, auf seine Rollen verzichten, auf die Personen, die er sein ganzes Leben lang bis zur Erschöpfung zu verkörpern versucht hatte (. . .)".

Unermüdlich umkreist die Autorin in ihrem Alphabet des Leidens die Geschichte des Vaters, der, und das ist schön gesagt, zu denen gehörte "die durch die falsche Tür in ihr Leben eingetreten sind und sich in den Netzen des Erwachsenenlebens verfangen, bevor sie wissen, wer sie sind (. . .)".

Aubry verwebt ihre eigenen Erinnerungen mit Textpassagen aus dem Manuskript des Vaters, der die Liebe zu seinen beiden Töchtern über alles stellte. Und so wird "Niemand" letztlich zum Versuch, über den Verlust dieses widersprüchlichen, seine Töchter mit seiner Krankheit oft überfordernden Vaters hinwegzukommen, der sich zu Zeiten seines Wahnsinns auf der Straße bei Obdachlosen wohler fühlte als in den Mauern seiner gesicherten Existenz. Die Autorin rückt dabei einzelne Charakterzüge dieses Verlorenen in den Mittelpunkt; biografische Details - wie die Scheidung der Eltern, als die Kinder noch sehr klein waren - bleiben im Hintergrund. Auch die psychologisch interessante Frage, wie es aus der Lebens- und Familiengeschichte heraus zur Erkrankung kommen konnte, spielt keine Rolle.

Über weite Strecken fesselt Aubrys Methode des assoziativ-essayistischen Schreibens entlang der lexikalischen Gliederung, mit der sie sich der Person ihres Vaters annähert. Doch irgendwann kommt der Punkt, wo man zu zweifeln beginnt, warum eigentlich man diesem atemlosen Lamento sein Ohr leihen soll; der Punkt, wo deutlich wird, dass sich aus Aubrys Reflexionen wenig über das Leben außerhalb dieser Vater-Tochter-Beziehung lernen lässt, sodass der Eindruck überhand gewinnt, der Text berausche sich an seiner eigenen Betroffenheit. In meinem Fall war es beim "S" so weit. Oder, um es mit Aubry zu sagen: "diese Wörter verbanden sich nicht mit der Sprache, die ich sprach und die die anderen vernahmen . . ."

Gwenaëlle Aubry: Niemand. Roman. Übersetzt von Dieter Hornig. Droschl, Graz/Wien 2013, 150 Seiten, 18,- Euro.




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