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Update: 26.08.2013, 16:16 Uhr
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Demokratie

Augstein, Jakob: Sabotage


Von Walter Hämmerle
  • Jakob Augstein spielt in "Sabotage" mit dem Tabubruch.

Legitim? Augstein will die Grenze zwischen Revolutionär und Gewalttäter neu verhandelt wissen.

Legitim? Augstein will die Grenze zwischen Revolutionär und Gewalttäter neu verhandelt wissen.© epa Legitim? Augstein will die Grenze zwischen Revolutionär und Gewalttäter neu verhandelt wissen.© epa

"Warum sind wir so unempfänglich für das Pathos der Revolution?", fragt im letzten Drittel seines Buches "Sabotage" Autor Jakob Augstein seinen Gesprächspartner, den Politologen und Chronisten des deutschen Linksterrorismus Wolfgang Kraushaar.

Information

Jakob Augstein: Sabotage. Warum wir uns zwischen Demokratie und Kapitalismus entscheiden müssen. Hanser, 304 Seiten, 19,50 Euro

Diese Frage treibt Augstein, angenommener Sohn des legendären "Spiegel"-Gründers Rudolf (sein leiblicher Vater ist der Dichter Martin Walser), um - in seinen regelmäßigen Kolumen auf "Spiegel Online" wie in seiner eigenen Zeitschrift "Der Freitag" und natürlich auch in "Sabotage", seinem jüngsten Buch. Der Untertitel lautet: "Warum wir uns zwischen Demokratie und Kapitalismus entscheiden müssen".

Augstein ist ein aufmerksamer Beobachter unserer Zeit, seine Kritik ist scharfzüngig und zumeist durchaus elegant formuliert. Auch den einen oder anderen Volltreffer landet er, etwa wenn er der Politik mangelnden Mut (und Bereitschaft) bei der Reregulierung der Finanzmärkte vorhält oder die systemische Verhaberung von Politik und Medien angreift, deren Vertreter Teil der gleichen Klasse seien, die ihre Kinder auf die gleichen Schulen schickten. Was Augstein antreibt, ist der durchaus verständliche Zorn über die Ungerechtigkeit der herrschenden Verhältnisse, wie er sie sieht: das Machtmonopol der Finanzeliten, die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich und - dies vor allem - die scheinbare Alternativlosigkeit, wie sich all dies in der politischen Auseinandersetzung widerspiegelt.

Man merkt es gleich: Sein Gegner ist niemand Geringerer als der allmächtige Neoliberalismus, der bis dato in Gestalt der maßgeblichen Parteien vor allem in Deutschland, vor allem in Person von Angela Merkel, das Zepter in Händen hält.

Um gegen diesen "Leviathan", wie er an einer Stelle des Buches genannt wird, anzukommen, reichen für Augstein aber die herkömmlichen Instrumente der parlamentarischen Demokratie nicht mehr aus. Ist dann also Gewalt als Mittel des politischen Protests (wieder) legitim? Womöglich ja, so ließe sich Augsteins Haltung zusammenfassen, denn einer eindeutigen Haltung entzieht sich der gewandte Feuilletonist geschickt; er spielt fasziniert mit dem Gedanken, aber wenn, dann selbstverständlich ausschließlich Gewalt gegen Sachen. Da ist es nur konsequent, wenn der Autor seinem Buch eine etwas seltsam anmutende Anleitung zur Herstellung eines Farbbeutels voranstellt, quasi als Einleitung und Einstimmung auf das Kommende.

Augstein ist sichtlich fasziniert von den Debatten der 68er-Generation, ihrer Art, "das System" grundlegend und mit revolutionärer Wucht herauszufordern. Der Autor, selbst Jahrgang 1967, schwärmt von den damaligen Protagonisten, die - Nietzsche paraphrasierend - "den Übergang vom Wort zur Tat" wollten. Dass dann, als die Worte tatsächlich in die Taten der RAF mündeten, die Linke jede Form der politischen Gewalt für sich ausschloss, hält Augstein sichtlich für einen strategischen Fehler um Kampf um die politische Macht in der Gesellschaft: "Die Gewalt in der Politik ist zum Tabu geworden. Und die Abschottung der Gesellschaft gegen die Gewalt wird immer dichter. Das Körperliche ist ungebildet und roh und etwas für einfache Leute. Je weiter Wissensgesellschaft und Digitalisierung voranschreiten, desto weiter entfernen wir uns vom Körper und damit auch von der Gewalt."

Es ist nicht das erste Mal, dass sich gerade Geistesmenschen von der rohen Körperlichkeit besonders angezogen fühlen, überdrüssig der ewigen Wortklauberei in der Endlosschleife des deutschen Talkshowfernsehens, wo Augstein durchaus ein gern gesehener und eloquenter Gast ist.

Mangelnde Tiefe
Die größte Schwäche des Buchs liegt jedoch in seiner mangelnden Tiefe. Augstein stellt eine große Frage - Demokratie oder Kapitalismus? -, doch ohne eine sachgerechte Analyse beider Phänomene zu liefern - und ihrer durchaus spannungsgeladenen Wechselbeziehungen. Deshab wirkt auch Augsteins Spiel mit Tabubruch Gewalt mehr wie eine kühl kalkulierte Marketingstrategie für kommende Talkshow-Auftritte.

Kraushaar übrigens beantwortete Augsteins eingangs gestellte Frage ohne jedes Pathos mit einer Gegenfrage: "Wollen Sie auch heute noch eine Revolution? Wären Sie dafür bereit, andererseits so vieles von dem, was ich als Errungenschaften bezeichnet habe, aufs Spiel zu setzen?" Es ist typisch für Augsteins Spiel mit der Gewaltfantasie, dass er eine klare Antwort auf diese Frage schuldig bleibt.




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