• vom 13.04.2012, 14:23 Uhr

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Update: 13.04.2012, 14:46 Uhr
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Rezension

Augustin, Ernst: Robinsons blaues Haus


Von David Axmann
  • Der Roman "Robinsons blaues Haus" von Ernst Augustin.

Man muss ja nicht alles erklären sollen, was man liebt. Kennen Sie den kinetischen Künstler Jean Tinguely? Ich liebe seine motorenbetriebenen Maschinenplastiken, zusammengesetzt aus Draht, Blech, Schrottteilen und vielerlei anderen Fundstücken, inspiriert durch die Idee von der Wiedergeburt der Materie. Mir gefallen Tinguelys mit all ihren wirr verschrobenen Einzelteilen zu einer phantastisch-kuriosen Einheit sich verschränkenden Kunstgewächse, deren Lebenskraft Bewegung ist: eine scheinbar sinnlose Bewegung von kreischenden Rädern, quietschenden Kolben, ächzenden Gestängen, stöhnenden Walzen.

Information

Ernst Augustin: Robinsons blaues Haus. Roman. C.H. Beck Verlag, München 2012, 319 Seiten, 20,50 Euro.

Herrlich! Wunderbar! Aber nur, solange niemand versucht, mir das Wunder zu erklären. Mir erzählen will, in welcher Tradition der Künstler steht, welchen Einflüssen er ausgesetzt war, was sein Werk eigentlich bedeuten soll und wie es überdies kunsthistorisch einzuordnen ist. Dieses mein Wunder da lebt in der Anschauung, nicht von der Analyse.

Lese ich Ernst Augustin, kommt mir Jean Tinguely in den Sinn. Obwohl der Schriftsteller natürlich nicht mit Altmetallen arbeitet, sondern mit frischen Gedanken. Nein, ich möchte nicht jenen mit diesem vergleichen; sehr wohl aber die Lust an der Anschauung, die hier wie dort zu empfinden ist; und ich möchte mir nicht erklären lassen, weshalb Augustin mir (richtigerweise) gefällt (oder dass ich ein ignoranter Schwärmer sei).

Ernst Augustin, geboren 1927 und vor seiner späten Berufung zum Romancier als Arzt und Psychiater tätig gewesen, verfügt über das faszinierende Talent, aus Randstücken der Realität phantastische Erzählskulpturen zusammenzubauen. Wohin man auch schaut, erfreut sich der Blick, entzückt sich die Empfindung. Was für Einfälle! Was für Abenteuer! Was für Sprachspiellust!

Das Thema des jüngsten Augustin-Romans ist die Geschichte einer permanenten Flucht, erzählt vom Flüchtling selbst. Der muss nach Vaters Tod, eines tüchtigen, doch unredlichen Geldwäschers, um sein Leben fürchten: denn die väterlich Betrogenen lechzen nach Rache.

Das auf entzückende Weise Faszinierende ist die Konstruktion der Bauelemente: jede Episode ein prosaisches Kleinod, es glitzert und funkelt und sprüht in vielerlei Stilformen, -arten und -brüchen, die Sprache tritt in bunter Verkleidung und toller Camouflage auf (dahinter sich das alte abendländische Identitätsproblem verbirgt), beherrscht den ironisch-präzisen Tonfall nicht minder sicher wie den eleganten Umgang mit schelmisch-lakonischem Poesieklang.

Der (dank Vaters Erbe übrigens steinreiche) Flüchtling ist nicht nur regelmäßig im Chatroom unterwegs (Nickname: Robinsonsuchtfreitag, Passwort: Fidschi), sondern auch auf dem realen Globus, von Grevesmühlen (nahe Schwerin) über Luxemburg, Lüttich, Athen, Warschau, London und New York bis in die Südsee - unentwegt sein Heil, das Glück, die Liebe suchend, sowie die Verwirklichung des Lebenssinns. Worin der besteht? "Aus nichts anderem als dem fortgesetzten Bemühen, sich wohnlich einzurichten. Einigermaßen."




Schlagwörter

Rezension, Extra

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